Dann atmet der Patient eine sauerstoffreiche Gasmischung ein, die den Tumor angeblich übersäuert, eine These, die unter westlichen Wissenschaftlern keinen Widerhall findet. Die dritte und letzte Stufe ist die umstrittenste: Der Patient wird in eine Art künstlichen Fieberstadiums versetzt, das heißt, auf eine Kerntemperatur von zirka 42 Grad bis zu 90 Minuten lang aufgeheizt, angeblich um die Tumorzellen bevorzugt zu zerstören. In den letzten Jahren hat sich diese sogenannte Hyperthermie in etlichen klinischen Versuchen zwar bewährt, allerdings nur in kleinen Körperbereichen und in Verbindung mit herkömmlichen zelltötenden Behandlungen, etwa Chemotherapie. Von Ardenne ist fast der einzige, der immer noch eine Ganzkörperhyperthermie bevorzugt.

Trotz des Mangels an überzeugenden Beweisen wurde die Therapie von ihrem Erfinder und etlichen westlichen Nachahmern emsig propagiert. Deshalb warnen Krebsforscher im Westen vor der Gefahr, daß bei den Patienten falsche Hoffnungen geweckt werden. "Wundermeldungen schaden nur den Patienten", sagt Oliver Lange, Oberarzt an der Robert-Janker-Klinik in Bonn, einer privaten Krebsklinik, die zur Zeit versucht, Forschungsmittel zu erlangen für eine wissenschaftliche Überprüfung eines Teils der Ardenneschen Methode. Lange betont, daß er nur seine persönliche Meinung vertrete und nicht die offizielle Meinung der Klinik.

Trotz aller Zweifel an der Wirksamkeit der Therapie halten Lange und andere Krebsforscher es für besser, die Dresdner Therapie sorgfältig zu überprüfen, um die Kontroverse zu lösen. Stefan Meuer, ein führender Immunologe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) und Leiter des BMFT-Gutachtengremiums, meint: "Von Ardennes Forschung darf nicht in der sogenannten Grauzone bleiben, wo es zwar Behandlungen gibt, aber keinen gesicherten Wirksamkeitsnachweis." Es wäre nach seiner Auffassung auch falsch, das Ardenne-Institut einfach wegen mangelnder Beweise fallenzulassen. "Das macht nur einen Märtyrer aus ihm."

Das Gutachten, das neben Meuer drei weitere namhafte Forscher vom DKFZ erstellt haben, fordert von Ardenne auf, nach fast dreißig Jahren Krebsforschung endlich anzufangen, wissenschaftlich nachprüfbar zu arbeiten. Zum Beispiel solle er "ein definiertes Patientenkollektiv" rekrutieren, das an derselben Krebsart leidet. Dann müsse er entgegen früherer Praxis den Ablauf der Tumorerkrankung über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten anhand anderer physikalischer oder biologischer Merkmale verfolgen, um feststellen zu können, ob die Therapie tatsächlich wirke.

Zudem habe die klinische Evaluierung der Ardenneschen Therapie die Kriterien der sogenannten good clinical practice (gute klinische Praxis) zu erfüllen, die Grundlage für alle klinischen Studien in den EG-Ländern ist. Dazu gehört unter anderem die Einschaltung einer Ethik-Kommission, sagt Siegfried Köster, der bis Mitte Juli im BMFT-Referat für Gesundheitsforschung tätig war und sich mit von Ardennes Institut auseinandergesetzt hat. "Er muß erkennen, daß er an Menschen experimentiert und nicht an Metallteilen, die er hinterher wegwerfen kann", sagt Köster.

Vor allem sind die Experimente und ihre Wirkung an klinischen Studien zu messen, die andere Therapieformen an ähnlichen Patientenkollektiven geprüft haben. Nur dann wird erkennbar, ob die Mehrschritt-Therapie tatsächlich Vorteile bietet. Nach Auffassung der Gutachter waren die äußeren Voraussetzungen zur Durchführung einer zeitgemäßen klinischen Prüfung in Dresden Ende vergangenen Jahres nicht gegeben. Dieser Zustand hat sich wohl bisher nicht viel geändert: "Es bewegt sich nicht in diese Richtung", sagt Köster.

Allerdings sehen von Ardenne und seine Kollegen die Sache ganz anders. Institutsmitarbeiter geben zwar zu, daß in den Jahren vor der Wende oft Ergebnisse frühzeitig in zweifelhaften Journalen veröffentlicht und vor allem breit an die Regenbogenpresse gestreut worden sind. Inzwischen seien aber die meisten Kritikpunkte der Gutachter hinfällig, betonte Wolf-Karsten Mayer, Arzt und Leiter des Bereiches Experimentelle und Klinische Forschung in von Ardennes medizinischem Institut, bei einem Gespräch in Dresden.