John Major hat guten Grund, zufrieden zu sein. Schon während des Golfkrieges hatte der britische Premier als Neuling auf der internationalen Bühne eine überraschend gute Figur gemacht.

Jetzt konnte er während der brisanten Moskauer Putschtage demonstrieren, daß er mehr Fingerspitzengefühl und Bewegungsfreiheit besitzt als seine Amtskollegen in Paris und Bonn; er vermochte ganz nebenbei auch noch zu demonstrieren, daß das Wort der britischen Regierung in Washington doch mehr gilt als das anderer EG-Partner.

Zudem darf er jetzt den stillen Triumph auskosten, daß seine Vorgängerin sich dabei selbst ausmanövrierte und ihm in Zukunft wohl weniger Kopfschmerzen bereiten wird. Margaret Thatcher ihrerseits dürfte mittlerweile den Medien-Coup bereuen, der ihr Anfang der vergangenen Woche gelungen war. In Whitehall wird er bereits als "Thatchers Putschversuch" bespöttelt.

Kaum war die Hiobsbotschaft über Gorbatschows Entmachtung über die Fernschreiber getickert, eilte Frau Thatcher, ganz Weltpolitikerin und bewährte Krisenmanagerin, vor die Mikrophone und Fernsehkameras und empfahl dem Westen in bewährt schroffer Manier ihre Rezepte.

Sie verlangte kompromißlose Härte gegenüber den Putschisten und – "dies ist keine Zeit für Schwäche" – die sofortige Aussetzung der von der Regierung Major beschlossenen Truppenreduzierung und der Kürzung des Verteidigungsbudgets. Nicht zuletzt forderte sie die sowjetische Bevölkerung unmißverständlich auf, beseelt von revolutionärem Geist auf die Straßen zu gehen.

Es mag sein, daß sie so John Majors Entscheidung indirekt beeinflußt hat, als erster westlicher Regierungschef die Machtübernahme der Achter-Bande öffentlich als "verfassungswidrig" zu verdammen. Der Schritt erwies sich als ebenso richtig wie die telephonische Kontaktaufnahme mit dem belagerten Boris Jelzin, noch bevor George Bush ihn erreichen konnte. Der britische Premier war irritiert über die Intervention seiner Vorgängerin, die offenkundig versuchte, ihm die Show zu stehlen. Noch mehr aber war seine Regierung darüber verärgert, daß, wie Außenminister Douglas Hurd es spitz formulierte, "ein Außenseiter" aus sicherer Warte heraus andere dazu aufrief, sich "großen Gefahren auszusetzen" und zugleich konservative Hinterbänkler gegen die Verteidigungspolitik der eigenen Regierung aufzustacheln.

Am Ende erwies sich die Mischung aus Härte und Flexibilität, die John Major und sein Außenminister demonstrierten, außenpolitisch als richtig und innenpolitisch als hilfreich. Oppositionsführer Neil Kinnock war in der Toskana von den Ereignissen überrascht worden. Die neugewonnene Reputation mag die schwierigen Aufgaben der nächsten Wochen erleichtern, die auf John Major nun zukommen. Zur Zeit amtiert er auch noch als Vorsitzender der G-7-Gruppe. Der britische Premier wird an diesem Sonntag als erster westlicher Regierungschef in Moskau sowohl Gorbatschow wie Jelzin und andere politische Größen der Sowjetunion treffen. Dem russischen Präsidenten dürfte nicht entgangen sein, wie sehr die Spitzen in Paris und Bonn laviert hatten und wie schnell sie bereit waren, sich mit den neuen Verhältnissen und Machthabern zu arrangieren – im Gegensatz zu London. Vielleicht wird Major in Moskau bereits in der Lage sein, mehr Hilfe – ob nun für die rapide zerfallende Union oder die Einzelrepubliken – anzubieten. Der britische Premier ist angeblich entschlossen, die bislang so zugeknöpften G-7-Hardliner, die Vereinigten Staaten und Japan, zu größerer Zahlungsbereitschaft zu drängen. Er will dafür sowohl das Treffen mit George Bush in dessen Feriensitz wie die Konferenz der "Sherpas" der G-7 in London nutzen. Genügt es ihm, so träte John Major, "der verbindliche Mittler", endgültig aus dem Schatten seiner Vorgängerin heraus.

Jürgen Krönig