Von Christian Tenbrock

ZEIT: Herr Lutz, wie reagieren Sie, wenn man Ihr Unternehmen wie folgt beschreibt: Chrysler verliert ständig Marktanteile und Geld, stellte Produkte her, die auf einem zehn Jahre alten Design beruhen, und ist eine Firma, die ihren Kunden Tausend-Dollar-Rabatte geben muß, um überhaupt Autos zu verkaufen?

Lutz: Zunächst einmal sage ich, daß die Fakten falsch sind. Während der achtziger Jahre hat Chrysler insgesamt seinen Marktanteil in den Vereinigten Staaten gehalten. Ford und die Japaner haben zugelegt – größtenteils auf Kosten von General Motors. Verloren haben wir in den letzten fünf Jahren bei Personenwagen. Bei Jeeps, Kleinlastwagen und Minivans, die den größeren Teil unseres Geschäfts ausmachen, haben wir dagegen Marktanteile gewonnen. Zweitens: Es ist in der Autoindustrie nicht unüblich, daß einige Produkte auf einem zehn Jahre alten Design beruhen. Unsere Minivans aber sind brandneu und weltweit Bestseller. Schließlich zu den Rabatten: Schauen Sie sich doch bitte an, was die Japaner tun. Die werfen auch mit Tausend-Dollar-Rabatten um sich!

ZEIT: Wie kommt es dann, daß Chrysler seit 1986 Jahr für Jahr geringere Gewinne macht und im ersten Halbjahr 1991 sogar über 500 Millionen Dollar Verlust erlitten hat?

Lutz: Das liegt daran, daß wir im Gegensatz zu Ford und General Motors keine nennenswerten Geschäfte in Europa machen. Wir hängen fast völlig vom amerikanischen Markt ab, wo sich die Situation über die Jahre verschlechtert hat. Unsere Konkurrenz konnte das teilweise mit Gewinnen in Übersee kompensieren. Aber unter den großen drei hatten wir im ersten Halbjahr die geringsten Verluste.

ZEIT: Dennoch steht Chrysler finanziell auf sehr wackeligen Beinen.

Lutz: Wir sind längst nicht da, wo wir sein sollten. Chrysler geht durch eine schwierige Phase. Wir machen rapide Fortschritte, was Qualität und Kosten angeht. Ab etwa Anfang 1992 werden wir einige sehr konkurrenzfähige neue Produkte vorstellen. Der einzige Grund, warum Chrysler im Vergleich zu anderen Firmen gefährdeter erscheint, ist unsere hohe Verschuldung. Als uns der Krieg am Golf und die Rezession dann gleichzeitig trafen, dachten eine ganze Menge Leute, daß uns das Geld ausgeht. Und wir haben viel Geld verloren. Wenn nötig, werden wir Aktiva außerhalb des Automobilbereichs verkaufen. Aber wir reduzieren auch unsere Kosten – derzeit mit einer Jahresrate von fast drei Milliarden Dollar.