Von Helga Hirsch

Belgrad Ende August

Dramatischer kann sich die Lage in Jugoslawien kaum noch verschärfen. Der kroatische Staatspräsident Franjo Tudjman forden ultimativ den Abzug der jugoslawischen Bundesarmee. Sonst will er die Mobilmachung der Bevölkerung anordnen. Gleichzeitig greift eben diese Bundesarmee ohne jeden Vorwand Ortschaften im kroatischen Ostslawonien und Dalmatien aus der Luft und mit Granatwerfern an. Das Belgrader Fernsehen begann einen Bericht mit folgenden Worten: "Sie sehen jetzt einen Beitrag unseres Kriegsberichterstatters in Slawonien." Steht Kroatien nun tatsächlich vor einem offenen Krieg zwischen einer bewaffneten Bevölkerung und der als Okkupationstruppe eingreifenden Bundesarmee?

Noch vor zwei Jahren hätte kaum jemand für möglich gehalten, daß sich die unter Marschall Tito in "Brüderlichkeit" geeinten Südslawen so unerbittlich bekämpfen würden. Nun rächt sich, daß alte nationale Vorbehalte nicht offen diskutiert, sondern jahrzehntelang schlicht verdrängt wurden. Sie schwelten weiter. Die Standpunkte verhärteten sich, und als die politischen Umstände das Gespräch wieder zuließen, hatte keine Seite mehr Interesse. Bei den ersten freien Wahlen seit dem Zweiten Weltkrieg siegten in allen Republiken die nationalistischen und nicht die bürgerlichliberalen Kräfte. Seitdem stehen sich unversöhnliche Positionen im serbisch-kroatischen Konflikt gegenüber. Die Kroaten betreiben unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht die Trennung ihrer Republik vom gemeinsamen jugoslawischen Staat. Die Serben leiten vom selben Prinzip das Recht auf Veränderung der innerjugoslawischen Grenzen nach ethnischen Kriterien ab. Es ist das Muster einer klassischen Tragödie: Offenen Auges, aber gleichwohl getrübten Blicks trudeln die Kontrahenten auf den Abgrund zu.

Einst, zu Beginn des nationalstaatlichen Aufbegehrens Mitte des 19. Jahrhunderts, hatten gerade Kroaten mit der "illyrischen Bewegung" eine südslawische Orientierung propagiert, die den Lokalpatriotismus überwinden sollte. Und noch 1918, als Jugoslawien tatsächlich entstand, bediente sich Miroslav Krleža, der große kroatische Schriftsteller, um den Wunsch nach Einheit hervorzuheben in seiner Literaturzeitschrift der serbischen Sprache – aber in lateinischer Schrift.

Doch die jugoslawische Realität blieb weit hinter den kroatischen Erwartungen zurück. Von Anfang an fühlte sich Zagreb durch Belgrad politisch gegängelt. Der Nationalismus erfaßte in Titos Jugoslawien sogar die Kommunisten, die sich schon 1971 der wirtschaftlichen Ausplünderung Kroatiens durch die Belgrader Zentrale widersetzen wollten. Als indes beim Zerfall des zentralistisch-kommunistischen Jugoslawiens die Möglichkeit einer Rehabilitierung nationaler Traditionen entstand, fehlte den Kroaten der Weitblick für das politisch Kluge und Sinnvolle im Umgang mit dem Nachbarvolk und deren Minderheit in der eigenen Republik.

Kroatien sei ein "Staat der Kroaten", bestimmte das Zagreber Parlament für die neue Verfassung – und schloß die Serben als staatstragende Gruppe aus. Auch der kultische Umgang mit einem Staatswappen, das – obzwar schon im Mittelalter Zeichen der kroatischen Könige – noch vor fünfzig Jahren von der Ustascha-Regierung verwandt worden war, mußte die Serben vor den Kopf stoßen. Eine versöhnende Geste blieb aus. Stipe Mesić, der amtierende jugoslawische Staatspräsident, erklärte vor kurzem noch, die Kroaten hätten "überhaupt keinen Grund, sich bei irgend jemanden zu entschuldigen, am wenigsten bei den Serben". Dabei sind inzwischen sogar kroatische Historiker zu dem Ergebnis gekommen, daß vielleicht über 300 000 Serben vom Ustascha-Regime umgebracht worden waren.