Ein Gespenst geht um in der Sowjetunion. Es heißt Jugoslawien. Wenn ein bis dahin zentral beherrschter Vielvölkerstaat zerbirst, kann schnell der Nationalitätenkonflikt folgen. Für die Zustände auf dem Balkan ist das Wort Konflikt freilich viel zu milde. Was gestern noch Scharmützel war, ist nun zur Schlacht geworden, zum offenen Krieg. Bisher unterstützte die jugoslawische Volksarmee die serbischen Freischärler, jetzt ist es umgekehrt: Tschetniks und Terroristen stellen die Hilfstruppen, die Armee führt die entscheidenden Schläge.

Jugoslawien wiederum ist nur mit dem Libanon zu vergleichen. Zwischen den Hauptkontrahenten töten Desperados auf eigene Rechnung. Wann immer sich auch nur ein Hauch von Versöhnung zwischen den Präsidenten der Republiken oder ein Ansatz zum Gespräch zwischen Armee und Milizen zeigt, schießen sie eine neue Eskalation herbei. Das Stichwort Sarajewo führt jedoch in die Irre. Die europäischen Staaten sind nicht – wie am Vorabend des Ersten Weltkriegs – in Pakten gebunden, deren Erfüllung ganz Europa explodieren lassen könnte. Deutschland kann heute mit Frankreich friedlich streiten, ob Kroatien und Slowenien jetzt sofort anerkannt werden sollten. Wenn die Bundesrepublik hierbei der erste und nicht – wie im Baltikum – der 21. Staat wäre, brauchte noch niemand ein Viertes Reich zu fürchten. Gleichwohl ist den Republiken damit noch kein Schutz gegen neue Angriffe gewährt.

Die Anerkennung bewirkte vorerst nur eines: Sie werden zu Völkerrechtssubjekten und können als solche die Vereinten Nationen zur Schlichtung und notfalls um Hilfe anrufen. Nach dem Scheitern der EG-Missionen und dem Versagen der KSZE wäre dies ein Zeichen, das auch die Erben des zersplitterten Sowjetreichs verstünden: Mit Gewalt läßt sich in der Völkergemeinschaft kein respektierter Staat mehr machen. M.S.