Von Richard Schröder

Zu den schlimmsten Zerfallsprodukten der DDR gehören die aggressive Ausländerfeindlichkeit und die massive Gewaltbereitschaft jugendlicher Gruppen, die die Öffentlichkeit als östlichen Neonazismus erschreckt zur Kenntnis nimmt. Die Konkursmasse DDR – nicht nur unabsehbar teuer, sondern auch noch ein unabsehbares moralisches und politisches Risiko für Gesamtdeutschland? Aus dem Ausland, namentlich aus Israel und Amerika, kommen Journalisten und fragen uns, ob sich hier ein "Viertes Reich" anbahnt.

Wir können sie zwar darauf verweisen, daß bei den Wahlen 1990 Rechtsradikale keine Erfolge verbuchen konnten. Aber damit sind die Probleme nicht vom Tisch. Die dürfen wir unter keinen Umständen verniedlichen oder wegerklären. Wir dürfen aber auch nicht den östlichen Rechtsradikalismus unbesehen in eine der fertigen (westlichen) Schubladen packen, ohne zu prüfen, ob sie passen. Wir könnten dann diese Gefahr mit anderen verwechseln, und das macht sie noch gefährlicher, weil dadurch falsche Antworten programmiert werden.

Rechtsradikale Jugendgruppen hat es schon vor der "Wende" in der DDR gegeben, nämlich seit 1980/81. Ein Zusammenhang mit Altnazis war nicht erkennbar, Verbindungen zu westlichen Neonazigruppen sind erst nachträglich entstanden. Nicht selten handelte es sich um Funktionärskinder, die ihren Generationskonflikt so austrugen: "Mein Vater ist blöd; was der ablehnt, finde ich gut." Sie haben sich übrigens mit Vorliebe und nicht ohne Erfolg bei Polizei und Armee beworben.

Die DDR hat sich viel darauf zugute gehalten, "antifaschistisch" zu sein. Auch dies war ein Mythos. Der Nationalsozialismus ist nicht angemessen interpretiert, sondern für den "Klassenkampf" instrumentalisiert worden. Unbestritten haben viele Kommunisten in der Nazizeit Schlimmstes zu leiden gehabt. Trotzdem war es nicht richtig, vor diesem Leiden das unsägliche Leiden der Juden in den Hintergrund treten zu lassen. Der Staat Israel wurde lange als Speerspitze des Imperialismus bezeichnet. Der Zusammenhang zwischen der Entstehung dieses Staates und der Judenverfolgung im "Dritten Reich" wurde unterschlagen. Wie es deutschen Kommunisten jüdischer Abstammung im sowjetischen Exil unter Stalin ergangen ist, wurde verheimlicht. Die gängige Definition des Faschismus als der Ideologie der aggressivsten Kreise des Monopolkapitals hatte die Pointe: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch"; nämlich in Westdeutschland. Die Sozialdemokraten wurden seinerzeit als "Sozialfaschisten" diffamiert, und als Stalin sich mit Tito überwarf, war sogleich der Ausdruck "Titofaschismus" zur Hand. Die letzte Instrumentalisierung des Nationalsozialismus fand im Januar 1990 statt. Die Stasi ließ Nazi-Schmierereien am Treptower Ehrenmal der Sowjetunion anbringen, und die SED-PDS rief zur "Einheitsfront gegen Rechts" auf, um ihre Unentbehrlichkeit zu beweisen.

Für die Ausländerfeindlichkeit unter DDR-Bürgern muß ein Erfahrungsdefizit berücksichtigt werden. Es gab in der DDR nicht die Ausländerfamilie nebenan. Ausländer, sowohl die sowjetischen Soldaten als auch die Gastarbeiter aus Vietnam oder Mosambik (diese übrigens zumeist ohne Familien), waren kaserniert. Normale Kontakte waren teils schwierig, teils sogar offiziell unerwünscht; für die Sowjetsoldaten waren sie verboten.

Ein Fremder ist interessant, hundert Fremde können leicht als bedrohlich empfunden werden. Wir müssen etwas dafür tun, daß die Erfahrungen normaler Kontakte möglichst intensiv nachgeholt werden. Die russisch-jüdische Familie, die neuerdings in unserem Ort wohnt, hat keine Probleme.