Kenner benennen eine ganze Reihe von Unterschieden zwischen westlichen und östlichen Rechtsradikalen. Die westlichen rechtsradikalen Organisationen fassen im Osten kaum Fuß. Das scheint damit zusammenzuhängen, daß im Osten allgemein die Bindungsbereitschaft sehr gering ist. Der östliche Rechtsradikalismus ist also nicht vom westlichen gesteuert. Die östlichen Rechtsradikalen sind eher spontaneistisch, was im Westen eher für Linksradikale typisch ist, also mehr aktionistisch als strategisch orientiert. Und sie sind auffällig jung: zwischen dreizehn und dreiundzwanzig Jahren. Die Gewaltbereitschaft, bis hin zur blindwütigen Zerstörungswut, ist erschreckend hoch, aber die Bindung an eine Ideologie, der ideologische Fanatismus, ist schwach ausgebildet. Und das Überraschendste: Es ist mehrmals gelungen, solche, die sich hier im Osten rechtsradikal geben, zu Diskussionen einzuladen. Das ist für westliche Rechtsradikale ganz untypisch.

Das alles spricht dafür, daß der östliche Rechtsradikalismus zu einem erheblichen Teil ein sozialpsychologisches Phänomen ist, eine Auflehnung, ein Aufschrei Verunsicherter, die provozieren wollen, aber keine Programmatik verfolgen. Wären Hammer und Sichel bei uns nicht geächtete Symbole, würden sich womöglich dieselben Menschen dieser Symbole für ihren irrationalundifferenzierten Protest bedienen. Übrigens wissen sie oft gar nicht, daß auch nach bundesdeutschem Recht der öffentliche Gebrauch rechtsradikaler Symbole strafbar ist.

Was tun? Die Bevölkerung tut zumeist das Falsche: nichts. Offenbar möchte sie das Problem am liebsten der Polizei und dem Staatsanwalt zuschieben. Die aber sind aus mehreren Gründen nicht in der Lage, mit diesem Problem fertig zu werden. Gewiß, was strafbar ist, muß auch bestraft werden. Mindestens muß jedem klargemacht werden, was strafbar ist, zum Beispiel der öffentliche Gebrauch des Hitlergrußes. Man müßte, solange die Bereitschaft dazu noch da ist, mit solchen Jugendgruppen reden. Aber wer? Unter den Lehrern werden wir so viele nicht finden, die dazu bereit und fähig sind. Ich denke, hier sind noch einmal die Kirchen gefordert. Nach dem Abtritt der FDJ gibt es ja nur noch in den Kirchen lebendige Jugendgruppen, wenn auch nicht allzu viele. Die sollten ihre Altersgenossen einladen, nicht um sie zu indoktrinieren oder zu missionieren, sondern um Erfahrungen zu besprechen.

Die Politiker und die Wirtschaft aber müssen alles dafür tun, daß diese gefährlichen Tendenzen nicht noch durch Jugendarbeitslosigkeit verstärkt werden.

Richard Schröder lehrt als Theologe Philosophie und war in der demokratisch gewählten Volkskammer, der DDR Vorsitzender der SPD-Fraktion