Wie Radio Liberty die sowjetische Bevölkerung informierte

Von Dirk Schütz

Der Umsturz begann klassisch: Das Radio sendete ernste Musik, das Fernsehen zeigte alte Filme, die Zeitungen wurden zensiert. Schnell brachten die Putschisten die einheimischen Medien unter ihre Kontrolle. Die westlichen Medien dagegen ließen sie gewähren. Satelliten-Verbindungen und Telephonnetz blieben intakt, Radiosendungen wurden nicht gestört. So drangen die Informationen über den Staatsstreich problemlos ins Ausland – und von dort wieder zurück in die Sowjetunion.

"Wir haben alte Radios aus den Zimmern der Dienstboten geholt und BBC, Radio Liberty und Voice of America gehört", antwortete Michail Gorbatschow auf die Frage, wie er sich auf der Krim informiert habe. Am besten sei der Empfang von BBC gewesen. Eine der größten Anlagen des englischen Senders strahlt von Zypern aus nach Moskau, so daß die Signale auf der Halbinsel im Schwarzen Meer besonders klar ankommen. David Morton, Chef des russischen BBC-Dienstes, fühlte sich geehrt: "Eigentlich zählt die Krim gar nicht zu unseren Hauptzielgebieten. Aber es freut uns natürlich, dort einen so bedeutenden Hörer gehabt zu haben."

Die wichtigste Informationsquelle

Die sowjetische Bevölkerung hingegen konnte sich vor allem auf Radio Liberty verlassen. Der amerikanische Sender mit Sitz in München sendet rund um die Uhr auf russisch und in elf anderen Sprachen der Sowjetunion, während die BBC täglich knapp sieben Stunden russisches Programm bringt. Damit erreicht sie jede Woche rund 13 Millionen Hörer in der Sowjetunion, Radio Liberty dagegen hat zu normalen Zeiten circa 35 Millionen. Während des Putsches dürften es nach Schätzungen des Senders jedoch mindestens doppelt so viele Hörer gewesen sein. "In diesen Tagen war Radio Liberty für das sowjetische Volk die wichtigste Informationsquelle", bestätigt der Volksdeputierte Oleg Adamowisch.

Vor allem die Berichterstattung aus dem russischen Parlamentsgebäude, dem "Weißen Haus", zog die Menschen vor die Radios. Gleich zu Beginn des Umsturzes waren zwei Mitarbeiter von Radio Liberty in die Zentrale des Widerstands vorgedrungen. Über Telephon gaben Mischa Sokolew und Andrej Bobitskij fast ohne Unterbrechung Interviews und Augenzeugenberichte nach München durch. Von dort gingen die Berichte über Kurzwelle direkt in die Sowjetunion zurück. Auch die Menschen vor dem "Weißen Haus" wurden so über die Ereignisse innerhalb des Gebäudes informiert. "Auf Wiedersehen. Ich fürchte, dies ist mein letzter Bericht!" rief Sokolow Dienstagnacht aus dem elften Stockwerk des Parlamentsgebäudes, als die Panzer anrollten. Später jedoch konnte er erleichtert ihren Abzug melden.