Von Marusa Krese

Der Fluß

Ich zog in eine Stadt, ein langer Fluß fließt durch die Stadt.

Der Fluß erinnert mich an meine Stadt.

Vielleicht brennt dieser Fluß, vielleicht ist er in meiner Stadt verbrannt.

So stehe ich mitten in Berlin. Mir ist kalt, um mich herum drücken und drängen sich Menschen der verschiedensten Nationalitäten, es ist vier Uhr früh, mein Paß wurde mir gestohlen, mein jugoslawischer, und so warte ich mit einem neuausgestellten auf eine neue Aufenthaltsgenehmigung. Besser hätte ich mich für einen deutschen entschieden. Schon seit Jahren lebe ich nicht mehr in meinem Land. Mein Zuhause liegt im Süden. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich das Meer, Feigen, Palmen, Inseln, Moscheen, orthodoxe Kirchen, Barockbauten, Zigeunerzelte, Grasharfen und den Blumenmarkt in der Stadt am Fluß.

Ich lehne mich an die Absperrung der deutschen Ausländerbehörde. Wo bin ich zu Hause? Hier in Berlin, wo ich fast niemanden kenne, oder dort unten, in dem Land, das es nicht mehr gibt, wie mich meine slowenischen Landsleute unterrichten? In meiner Tasche trage ich den brandneuen Reisepaß eines Landes, das verschwunden ist. Auch so kann man zum Emigranten werden.