Abschied von Slowenien

Von Marusa Krese

Der Fluß

Ich zog in eine Stadt, ein langer Fluß fließt durch die Stadt.

Der Fluß erinnert mich an meine Stadt.

Vielleicht brennt dieser Fluß, vielleicht ist er in meiner Stadt verbrannt.

So stehe ich mitten in Berlin. Mir ist kalt, um mich herum drücken und drängen sich Menschen der verschiedensten Nationalitäten, es ist vier Uhr früh, mein Paß wurde mir gestohlen, mein jugoslawischer, und so warte ich mit einem neuausgestellten auf eine neue Aufenthaltsgenehmigung. Besser hätte ich mich für einen deutschen entschieden. Schon seit Jahren lebe ich nicht mehr in meinem Land. Mein Zuhause liegt im Süden. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich das Meer, Feigen, Palmen, Inseln, Moscheen, orthodoxe Kirchen, Barockbauten, Zigeunerzelte, Grasharfen und den Blumenmarkt in der Stadt am Fluß.

Ich lehne mich an die Absperrung der deutschen Ausländerbehörde. Wo bin ich zu Hause? Hier in Berlin, wo ich fast niemanden kenne, oder dort unten, in dem Land, das es nicht mehr gibt, wie mich meine slowenischen Landsleute unterrichten? In meiner Tasche trage ich den brandneuen Reisepaß eines Landes, das verschwunden ist. Auch so kann man zum Emigranten werden.

Abschied von Slowenien

Während meine slowenischen Freunde "Freiheit, Unabhängigkeit, Selbständigkeit, zurück zu Europa" brüllen, verliere ich meine Wurzeln und mein Zuhause. Slowenische Dichter, die noch vor Jahren in ihren Werken das Slowenentum verfluchten, träumen heute von großen Slowenen. Dichter, die ob der Enge dieses Alpenraumes stöhnten, sagen heute, das sei ihr wahres Zuhause, sagen, das sei das Gelobte Land und rufen zu den Waffen.

Ich erinnere mich an meine ersten Auslandsreisen, noch zu Gymnasialzeiten, mit einem Rucksack, per Anhalter. Wurde ich gefragt, woher ich komme, schwellte sich bei dem Wort "Jugoslavija" stolz meine Brust. Ich habe mein Land geliebt, ich liebe es noch immer. Die Grenzen waren offen, man konnte überleben, man konnte schreiben, man konnte reden. Wem die Luft in Ljubljana zu stickig wurde, der konnte kurz nach Venedig oder Belgrad zur Erholung fahren. Ich weiß nicht, wie die slowenischen Künstler heute die Preise vergessen können, mit denen ihre Werke in Serbien und den anderen jugoslawischen Teilrepubliken ausgezeichnet wurden. Ich weiß nicht, wie die slowenischen Maler, vor allem die Konzeptualisten aus den Sechzigern und den frühen Siebzigern, vergessen können, daß ihnen serbische Freunde zur Seite standen, daß sie öfter in Belgrad ausstellten als in Ljubljana, und daß ihnen Belgrad das Tor zur Welt öffnete, das Tor zu jenem Europa, von dem heute dieselben Slowenen lautstark behaupten: "Europa sind wir, nicht die dort unten..."

Die dort unten... Vor etwas mehr als einem Jahr saß ich in Belgrad mit Miodrag Perišić, dem serbischen PEN-Präsidenten, zusammen, der traurig feststellte: "Man hält die Kroaten und Slowenen für rational, und man dachte, sie würden die Lage in Serbien vielleicht besser einschätzen können als die Serben selbst. Aber leider wurden sie genauso von nationalistischer Hysterie erfaßt und haben so zum Aufstieg Milosevics und des großserbischen Kults beigetragen..."

Die dort unten und wir da oben. Wer sind eigentlich wir da oben? Meine Freunde sagen, wir seien besser als die dort unten, sie sagen, wir seien arbeitsam, verläßlich, sie sagen, wir hätten Kultur und seien progressiv und überhaupt die besten, sie sagen, Europa sei auf unserer Seite.

Ich erinnere mich an das Schriftstellertreffen in Vilenica im vorigen Jahr, an das Treffen von Schriftstellern aus Mitteleuropa. Drei Tage lang war ich Zeugin des slowenischen Nationalismus, der slowenischen Folklore, des slowenischen Jammers, drei Tage lang war ich Zeugin des slowenischen Chauvinismus, der slowenischen Nichtsolidarität mit den Literaten im Kosovo, die in diesen drei Tagen inhaftiert wurden. Darüber verloren die slowenischen Dichter kein Wort.

Drei Tage lang hörte ich von Schriftstellern, wie düster es im kommunistischen Regime gewesen sei, wie eingeschränkt das Leben zu Zeiten des kommunistischen Terrors war, wie endlich die Zeit angebrochen sei, in der die Schriftsteller aus ihren Löchern kriechen. Alles gut und schön, alles würde ich verstehen, wenn es nicht dieselben Schriftsteller wären, die zu Zeiten des kommunistischen Terrors bis zu zwanzig Bücher veröffentlichten, dafür erkleckliche Honorare einstrichen, jahrelang auf ihren Sesseln in verschiedenen Verlagshäusern klebten und andere unterdrückten. Drei Tage lang war es mir angesichts der neuen slowenischen Hymne (einer Vertonung von France Preserens Gedicht "Trunkspruch", eines Trinklieds) peinlich, eine Slowenin zu sein.

Was tut ihr nur, sagte ich einem Dichter, einem Verfechter des Großslowenentums, bei einem Spaziergang durch den Park, in dem Rilke seine Duineser Elegien verfaßte. "Weißt du, wir Slowenen werden nicht gesunden, ehe wir nicht einen eigenen König haben." Ist das wirklich das Geheimnis des slowenischen Frühlings, der vor mehr als drei Jahren begonnen hat? Sind all diese Ereignisse die verspätete Pubertät eines kleinen Volkes, das schon seit mehr als hundert Jahren vergeblich Anschluß an die Weltgeschichte sucht? Damals in Duino dachte ich, das kann ich nicht ernst nehmen. Den slowenischen Dichtern gestand ich künstlerische Freiheit zu und hörte nicht mehr hin. Einige Monate später stellte ich fest, daß man diese Leute furchtbar ernst nehmen muß. Diese Leute sprechen im Namen des Volkes. Zu diesem Volk kann ich nicht gehören.

Abschied von Slowenien

Noch immer warte ich vor der Ausländerbehörde. Noch immer ist es kalt. Über meiner Stadt fliegen Flugzeuge und ich bin wütend. Gestern hat mich ein Freund aus Ljubljana angerufen, er ist Professor am Institut für Soziologie. Auch er ist Slowene. Unsere einzige Chance ist, daß die Armee nicht nachgibt, sagt er, dann wird man Slowenien anerkennen. Das ist doch ein vernünftiger Mensch, seine Bücher habe ich gern gelesen. Ich verliere Freunde, weil ich mit ihnen nicht mehr reden kann. Wir sprechen eine andere Sprache, du kennst sie nicht mehr, höre ich.

Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie einige Märner über mein Land entscheiden. Schließlich ist das auch mein Land, meine Sprache, die Sprache, in der ich mit meinen Kindern spreche, hier in Ausland, das ist die Sprache, in der ich schreibe, träume, und das ist die Sprache, die ich nicht ablege. Und da heißt es, du kennst sie nicht.

Ich rufe meine Mutter in Ljubljana an. Sie meldet sich, im Hintergrund höre ich Sirenen, Fliegeralarm. Meine Mutter am Telephon, bestimmt: "Nein, ich gehe nicht in den Schutzraum, ich bin nie im Leben davongelaufen." Die alte Partisanin ist in ihr erwacht. Ich denke an die Menschen, die sich 1941 zum Widerstand entschlossen, junge Menschen, die in die Wälder gingen, wochenlang ihre Nächte schlaflos verbrachten, ohne Nahrung, im Sommer wie im Winter, Jahre der Ungewißheit, ob man den nächsten Tag überlebt oder nicht. Wie fühlen sich diese Leute, die ihre schönsten Jahre unterkühlt, unterernährt und verwundet verloren haben, heute vor ihren Fernsehschirmen, wenn sie mitansehen müssen, wie einfach so: eins, zwei, drei, eine unabhängige slowenische Republik ausgerufen wird und man Tafeln mit der Aufschrift "Jugoslavija" in den Straßengraben wirft und durch "Slovenija" ersetzt? Für diese Grenzen gaben einst Tausende ihr Leben. Heute sagen die Slowenen, es sei roter Terror gewesen. Wie fühlen sich diese Menschen, wenn sie auf dem Bildschirm sehen, wie rote Teppiche vor Nachkriegsemigranten ausgerollt werden, die aus Argentinien und ähnlichen Ländern voller Rachsucht heimkehren. Sie seien auf das Wohl ihres Landes bedacht gewesen, wenn auch auf der Seite der Faschisten.

Ein Kind des Kommunismus sagen Freunde, wenn ich solche Gedanken laut ausspreche. Wir alle waren Kinder des Kommunismus oder besser gesagt, des reformierten Sozialismus. Uns allen ging es gut. Im reformierten Sozialismus ging es uns so gut, daß wir dieser Sicherheit überdrüssig wurden. Ununterbrochen mußten wir einen Feind suchen, damit wir uns nicht langweilten. Im Kommunismus gab es freischaffende Künstler wie Sand am Meer, alle konnten irgendwie überleben, allehaben auch gelitten. Slowenen müssen leiden, sonst sind sie nicht gesund. Das Leiden der slowenischen Künstler: "Wie schön wäre es, wenn uns das Ausland entdeckte!" Jetzt hat es uns wirklich endeckt, und zwar anders, als wir uns das vorgestellt hatten.

So sichte ich in Berlin die Blätter meines Lebens und meiner Generation und frage mich: Ist nicht die ganze Geschichte der slowenischen Unabhängigkeit sehr einfach? Meiner Generation standen alle Wege offen. Wir konnten tun, was wir wollten, mehr oder weniger. Doch litten wir nicht immer, weil wir zu spät geboren wurden, weil wir die heroischen Zeiten versäumt hatten? Es heißt, Stalinisten hätten über uns geherrscht. Gut, kann schon sein. Ich will nichts mehr behaupten, sonst stellt sich meine Wirklichkeit ganz auf den Kopf. Ich blättere in slowenischen Zeitungen und bewundere die raffinierte Zensur in der Zeit nach den demokratischen Wahlen (Zensur gab es in den letzten fünfzehn Jahren in den Medien nicht, das müssen auch meine slowenischen Freunde zugeben), und ich frage mich: Ist die ganze Geschichte der Kampf der jüngeren stalinistischen Generation mit der älteren?

Von Politik verstehe ich nichts, angeblich weil ich eine Frau bin. Von Emotionen verstehe ich was, weil ich jahrelang als Therapeutin arbeitete, zu Hause und im Ausland. Ich muß auf dem Boden bleiben, denn ich habe drei Kinder. Ich weiß nicht, ob ich mich emotional oder politisch nennen soll, wenn ich als Journalistin mitten in Berlin bei einer Außenministerkonferenz den slowenischen erkenne. Auch er ist ein Schriftsteller. Hier tritt er als Gast der österreichischen Delegation auf. Auch so kann sich die Geschichte ändern. Waren es nicht gerade die Österreicher gewesen, die uns unterdrückten, mußten wir uns nicht gerade unter ihrer Herrschaft darum bemühen, unsere Sprache zu erhalten? Waren wir nicht unter Napoleon glücklich, daß er uns gestattete in unserer Sprache zu schreiben? Wollen wir wirklich zurück nach Österreich-Ungarn und die unterdrückte Provinz spielen? Das paßte uns Slowenen in den Kram, vor allem den schreibenden. Die letzten Ereignisse gaben uns wieder neue Seelennahrung. Zuerst muß der "unumgängliche" Ein-Wochen-Krieg literarisch verarbeitet werden, und dafür sind Jahre vonnöten. Zwischendurch, zur Erholung, werden wir die Denkmäler der alten Helden stürzen und neue errichten und bis dahin wird es, so hoffe ich, dazu gekommen sein, daß uns wieder jemand unterdrückt.

Was wäre, wenn die Slowenen aufhörten, über den Balkan und "die Brüder im Süden" herzuziehen? Was wäre, wenn wir Slowenen selbst in Augenschein nähmen, was wir dazu beigetragen haben, daß der Balkan zum europäischen Libanon wurde, und was wir noch immer dazu beitragen? Sind wir wirklich so sonnige Gemüter, daß nur die Düsternis aus dem Süden unse’r Licht verfinstert? Auch so läßt sich die Tatsache entschuldigen, daß Slowenien zu einem Land böser Kobolde wurde; daß Männer brüllen, Frauen, die abgetrieben hätten, seine Mörderinnen (nebenbei gesagt: mich betrifft das nicht, ich habe für slowenische Nachkommen gesorgt); daß der slowenische Kulturminister betont, die slowenische Kultur sei voller Nihilismus. Wohin sind wir nur geraten? Das sind keine Dinge, die uns von den Brüdern im Süden diktiert wurden, das sind Dinge, die uns Slowenen zustoßen, wenn wir unter uns sind. Deshalb bin ich den Brüdern im Süden dankbar, daß sie jahrelang ihr "Chaos" nach Slowenien exportiert haben. Ich habe Angst vor den kommenden Jahren der slowenischen Demokratie, ich fürchte mich vor der Herrschaft der kleinen Männchen (im demokratisch gewählten Parlament sitzen so wenig Frauen wie nie in den sozialistischen Jahren), die in meinem Namen und im Namen des slowenischen Volkes nach neuen Königen suchen. Ich hoffe, sie finden wenigstens einen schönen.

Abschied von Slowenien

Sicher hat sich alles getäuscht,

die Welt, die Kinder, die Blumen, das Eis.

Frauen in Schwarz, Männer in Hosen,

Schatten über dem Bosporus,

alte Kastanienbäume im Hof.

Tabak aus der Herzegowina und Schiffe auf dem Meer,

trunksüchtige Jungfern und Damen aus Deutschland,

Abschied von Slowenien

Wege, die in den Himmel führen.

Alles hat sich getäuscht, sicher.

Ich als Näherin der Narrheit

und du als einsamer Hirt,

Traumseelen und Steinherzen,

die Mütter, die Väter tot,

die Fenster geschlossen, die Rose im Garten rot,

Abschied von Slowenien

unter den Füßen feiner Sand

und kräftige Wellen.

Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner