Während meine slowenischen Freunde "Freiheit, Unabhängigkeit, Selbständigkeit, zurück zu Europa" brüllen, verliere ich meine Wurzeln und mein Zuhause. Slowenische Dichter, die noch vor Jahren in ihren Werken das Slowenentum verfluchten, träumen heute von großen Slowenen. Dichter, die ob der Enge dieses Alpenraumes stöhnten, sagen heute, das sei ihr wahres Zuhause, sagen, das sei das Gelobte Land und rufen zu den Waffen.

Ich erinnere mich an meine ersten Auslandsreisen, noch zu Gymnasialzeiten, mit einem Rucksack, per Anhalter. Wurde ich gefragt, woher ich komme, schwellte sich bei dem Wort "Jugoslavija" stolz meine Brust. Ich habe mein Land geliebt, ich liebe es noch immer. Die Grenzen waren offen, man konnte überleben, man konnte schreiben, man konnte reden. Wem die Luft in Ljubljana zu stickig wurde, der konnte kurz nach Venedig oder Belgrad zur Erholung fahren. Ich weiß nicht, wie die slowenischen Künstler heute die Preise vergessen können, mit denen ihre Werke in Serbien und den anderen jugoslawischen Teilrepubliken ausgezeichnet wurden. Ich weiß nicht, wie die slowenischen Maler, vor allem die Konzeptualisten aus den Sechzigern und den frühen Siebzigern, vergessen können, daß ihnen serbische Freunde zur Seite standen, daß sie öfter in Belgrad ausstellten als in Ljubljana, und daß ihnen Belgrad das Tor zur Welt öffnete, das Tor zu jenem Europa, von dem heute dieselben Slowenen lautstark behaupten: "Europa sind wir, nicht die dort unten..."

Die dort unten... Vor etwas mehr als einem Jahr saß ich in Belgrad mit Miodrag Perišić, dem serbischen PEN-Präsidenten, zusammen, der traurig feststellte: "Man hält die Kroaten und Slowenen für rational, und man dachte, sie würden die Lage in Serbien vielleicht besser einschätzen können als die Serben selbst. Aber leider wurden sie genauso von nationalistischer Hysterie erfaßt und haben so zum Aufstieg Milosevics und des großserbischen Kults beigetragen..."

Die dort unten und wir da oben. Wer sind eigentlich wir da oben? Meine Freunde sagen, wir seien besser als die dort unten, sie sagen, wir seien arbeitsam, verläßlich, sie sagen, wir hätten Kultur und seien progressiv und überhaupt die besten, sie sagen, Europa sei auf unserer Seite.

Ich erinnere mich an das Schriftstellertreffen in Vilenica im vorigen Jahr, an das Treffen von Schriftstellern aus Mitteleuropa. Drei Tage lang war ich Zeugin des slowenischen Nationalismus, der slowenischen Folklore, des slowenischen Jammers, drei Tage lang war ich Zeugin des slowenischen Chauvinismus, der slowenischen Nichtsolidarität mit den Literaten im Kosovo, die in diesen drei Tagen inhaftiert wurden. Darüber verloren die slowenischen Dichter kein Wort.

Drei Tage lang hörte ich von Schriftstellern, wie düster es im kommunistischen Regime gewesen sei, wie eingeschränkt das Leben zu Zeiten des kommunistischen Terrors war, wie endlich die Zeit angebrochen sei, in der die Schriftsteller aus ihren Löchern kriechen. Alles gut und schön, alles würde ich verstehen, wenn es nicht dieselben Schriftsteller wären, die zu Zeiten des kommunistischen Terrors bis zu zwanzig Bücher veröffentlichten, dafür erkleckliche Honorare einstrichen, jahrelang auf ihren Sesseln in verschiedenen Verlagshäusern klebten und andere unterdrückten. Drei Tage lang war es mir angesichts der neuen slowenischen Hymne (einer Vertonung von France Preserens Gedicht "Trunkspruch", eines Trinklieds) peinlich, eine Slowenin zu sein.

Was tut ihr nur, sagte ich einem Dichter, einem Verfechter des Großslowenentums, bei einem Spaziergang durch den Park, in dem Rilke seine Duineser Elegien verfaßte. "Weißt du, wir Slowenen werden nicht gesunden, ehe wir nicht einen eigenen König haben." Ist das wirklich das Geheimnis des slowenischen Frühlings, der vor mehr als drei Jahren begonnen hat? Sind all diese Ereignisse die verspätete Pubertät eines kleinen Volkes, das schon seit mehr als hundert Jahren vergeblich Anschluß an die Weltgeschichte sucht? Damals in Duino dachte ich, das kann ich nicht ernst nehmen. Den slowenischen Dichtern gestand ich künstlerische Freiheit zu und hörte nicht mehr hin. Einige Monate später stellte ich fest, daß man diese Leute furchtbar ernst nehmen muß. Diese Leute sprechen im Namen des Volkes. Zu diesem Volk kann ich nicht gehören.