Noch immer warte ich vor der Ausländerbehörde. Noch immer ist es kalt. Über meiner Stadt fliegen Flugzeuge und ich bin wütend. Gestern hat mich ein Freund aus Ljubljana angerufen, er ist Professor am Institut für Soziologie. Auch er ist Slowene. Unsere einzige Chance ist, daß die Armee nicht nachgibt, sagt er, dann wird man Slowenien anerkennen. Das ist doch ein vernünftiger Mensch, seine Bücher habe ich gern gelesen. Ich verliere Freunde, weil ich mit ihnen nicht mehr reden kann. Wir sprechen eine andere Sprache, du kennst sie nicht mehr, höre ich.

Es tut mir weh, wenn ich sehe, wie einige Märner über mein Land entscheiden. Schließlich ist das auch mein Land, meine Sprache, die Sprache, in der ich mit meinen Kindern spreche, hier in Ausland, das ist die Sprache, in der ich schreibe, träume, und das ist die Sprache, die ich nicht ablege. Und da heißt es, du kennst sie nicht.

Ich rufe meine Mutter in Ljubljana an. Sie meldet sich, im Hintergrund höre ich Sirenen, Fliegeralarm. Meine Mutter am Telephon, bestimmt: "Nein, ich gehe nicht in den Schutzraum, ich bin nie im Leben davongelaufen." Die alte Partisanin ist in ihr erwacht. Ich denke an die Menschen, die sich 1941 zum Widerstand entschlossen, junge Menschen, die in die Wälder gingen, wochenlang ihre Nächte schlaflos verbrachten, ohne Nahrung, im Sommer wie im Winter, Jahre der Ungewißheit, ob man den nächsten Tag überlebt oder nicht. Wie fühlen sich diese Leute, die ihre schönsten Jahre unterkühlt, unterernährt und verwundet verloren haben, heute vor ihren Fernsehschirmen, wenn sie mitansehen müssen, wie einfach so: eins, zwei, drei, eine unabhängige slowenische Republik ausgerufen wird und man Tafeln mit der Aufschrift "Jugoslavija" in den Straßengraben wirft und durch "Slovenija" ersetzt? Für diese Grenzen gaben einst Tausende ihr Leben. Heute sagen die Slowenen, es sei roter Terror gewesen. Wie fühlen sich diese Menschen, wenn sie auf dem Bildschirm sehen, wie rote Teppiche vor Nachkriegsemigranten ausgerollt werden, die aus Argentinien und ähnlichen Ländern voller Rachsucht heimkehren. Sie seien auf das Wohl ihres Landes bedacht gewesen, wenn auch auf der Seite der Faschisten.

Ein Kind des Kommunismus sagen Freunde, wenn ich solche Gedanken laut ausspreche. Wir alle waren Kinder des Kommunismus oder besser gesagt, des reformierten Sozialismus. Uns allen ging es gut. Im reformierten Sozialismus ging es uns so gut, daß wir dieser Sicherheit überdrüssig wurden. Ununterbrochen mußten wir einen Feind suchen, damit wir uns nicht langweilten. Im Kommunismus gab es freischaffende Künstler wie Sand am Meer, alle konnten irgendwie überleben, allehaben auch gelitten. Slowenen müssen leiden, sonst sind sie nicht gesund. Das Leiden der slowenischen Künstler: "Wie schön wäre es, wenn uns das Ausland entdeckte!" Jetzt hat es uns wirklich endeckt, und zwar anders, als wir uns das vorgestellt hatten.

So sichte ich in Berlin die Blätter meines Lebens und meiner Generation und frage mich: Ist nicht die ganze Geschichte der slowenischen Unabhängigkeit sehr einfach? Meiner Generation standen alle Wege offen. Wir konnten tun, was wir wollten, mehr oder weniger. Doch litten wir nicht immer, weil wir zu spät geboren wurden, weil wir die heroischen Zeiten versäumt hatten? Es heißt, Stalinisten hätten über uns geherrscht. Gut, kann schon sein. Ich will nichts mehr behaupten, sonst stellt sich meine Wirklichkeit ganz auf den Kopf. Ich blättere in slowenischen Zeitungen und bewundere die raffinierte Zensur in der Zeit nach den demokratischen Wahlen (Zensur gab es in den letzten fünfzehn Jahren in den Medien nicht, das müssen auch meine slowenischen Freunde zugeben), und ich frage mich: Ist die ganze Geschichte der Kampf der jüngeren stalinistischen Generation mit der älteren?

Von Politik verstehe ich nichts, angeblich weil ich eine Frau bin. Von Emotionen verstehe ich was, weil ich jahrelang als Therapeutin arbeitete, zu Hause und im Ausland. Ich muß auf dem Boden bleiben, denn ich habe drei Kinder. Ich weiß nicht, ob ich mich emotional oder politisch nennen soll, wenn ich als Journalistin mitten in Berlin bei einer Außenministerkonferenz den slowenischen erkenne. Auch er ist ein Schriftsteller. Hier tritt er als Gast der österreichischen Delegation auf. Auch so kann sich die Geschichte ändern. Waren es nicht gerade die Österreicher gewesen, die uns unterdrückten, mußten wir uns nicht gerade unter ihrer Herrschaft darum bemühen, unsere Sprache zu erhalten? Waren wir nicht unter Napoleon glücklich, daß er uns gestattete in unserer Sprache zu schreiben? Wollen wir wirklich zurück nach Österreich-Ungarn und die unterdrückte Provinz spielen? Das paßte uns Slowenen in den Kram, vor allem den schreibenden. Die letzten Ereignisse gaben uns wieder neue Seelennahrung. Zuerst muß der "unumgängliche" Ein-Wochen-Krieg literarisch verarbeitet werden, und dafür sind Jahre vonnöten. Zwischendurch, zur Erholung, werden wir die Denkmäler der alten Helden stürzen und neue errichten und bis dahin wird es, so hoffe ich, dazu gekommen sein, daß uns wieder jemand unterdrückt.

Was wäre, wenn die Slowenen aufhörten, über den Balkan und "die Brüder im Süden" herzuziehen? Was wäre, wenn wir Slowenen selbst in Augenschein nähmen, was wir dazu beigetragen haben, daß der Balkan zum europäischen Libanon wurde, und was wir noch immer dazu beitragen? Sind wir wirklich so sonnige Gemüter, daß nur die Düsternis aus dem Süden unse’r Licht verfinstert? Auch so läßt sich die Tatsache entschuldigen, daß Slowenien zu einem Land böser Kobolde wurde; daß Männer brüllen, Frauen, die abgetrieben hätten, seine Mörderinnen (nebenbei gesagt: mich betrifft das nicht, ich habe für slowenische Nachkommen gesorgt); daß der slowenische Kulturminister betont, die slowenische Kultur sei voller Nihilismus. Wohin sind wir nur geraten? Das sind keine Dinge, die uns von den Brüdern im Süden diktiert wurden, das sind Dinge, die uns Slowenen zustoßen, wenn wir unter uns sind. Deshalb bin ich den Brüdern im Süden dankbar, daß sie jahrelang ihr "Chaos" nach Slowenien exportiert haben. Ich habe Angst vor den kommenden Jahren der slowenischen Demokratie, ich fürchte mich vor der Herrschaft der kleinen Männchen (im demokratisch gewählten Parlament sitzen so wenig Frauen wie nie in den sozialistischen Jahren), die in meinem Namen und im Namen des slowenischen Volkes nach neuen Königen suchen. Ich hoffe, sie finden wenigstens einen schönen.