Welch ein schöner Löffel. Welch ein einfacher Löffel. Und der Preis? Gar nicht der Rede wert.

Es gibt ihn unzählige Male in ungezählten Haushalten — doch vielleicht muß man sich auch schon ins Imperfekt begeben: Es gab ihn; denn manche Leute haben ihn, weil sie glaubten, endlich etwas Neues, etwas Schnittigeres, etwas Solideres zu brauchen, weggeworfen, und das heißt, da es keinen Herd mehr in der Küche gibt, nicht ins Feuer geworfen, damit er sich, während oben schon sein Nachfolger gehandhabt wird, zum letztenmal nützlich erweise und eine Speise zum Kochen bringe, sondern in den Mülleimer, so daß erst die Müllverbrennungsanlage das Vernichtungswerk vollende. So altmodisch wie dieser elend lange Satz ist der Gegenstand, von dem hier schwärmerisch die Rede ist: von einem — nein, doch nicht von einem Löffel, einem Kochlöffel, sondern von einem Bratenwender.

Er ist, wie es erfahrene Hausfrauen und kochende Männer von jeher für selbstverständlich halten, aus Holz. Tatsächlich aus Holz, obwohl einen der Blick in eines dieser verführerischen Geschäfte für Küchengerätschaften doch zu lehren scheint, daß, wer am Herd etwas auf sich hält, längst zu den so hygienisch blinkenden Aluminium, Kupferoder Edelstahlkellen, löffeln, Schabern greife. Irrtum; ein Meisterkoch behauptet steif und fest, Kochlöffel und dergleichen sollten nicht zuletzt aus hygienischen Gründen "grundsätzlich aus Holz" sein. Wie beruhigend, daß ein kompetenter Zeitgenosse das, was man sich immer schon gedacht hat, bestätigt. Aber vor allem begründet er sein Plädoyer für das Holz in Schüssel, Topf und Pfanne damit, daß derlei hölzerne Werkzeuge besonders praktisch — und auffallend schön seien.

Das wußte ich schon lange. Ich lasse alles andere einmal beiseite, obwohl jedes dieser Dinge eine Schönheit von höchst eigenartigem Reiz ist: die stabile Nudelrolle, die wuchtige Kartoffelkeule, der Fleischklopfer mit seinen beiden, mit siebenmal sieben aus dem Block geschnittenen Pyramiden aggressiv gemachten Klopfflächen. Nicht der Rührlöffel mit dem geschickt plazierten Loch und der schrägen Kante, und auch nicht der Kochlöffel soll uns hier weiter interessieren, obwohl er mit seiner flachen Kehlung in der Laffe zum "intelligenten Design" der allerbesten Art gehört und von keinem Metallöffel übertroffen wird — nicht bei den Verrichtungen, für die er gebraucht wird. Hier gehts um den Bratenwender.

Er ist dreißig und einen halben Zentimeter lang, vier Millimeter stark, an der breitesten Stelle vorn knapp sechs Zentimeter breit. Der Stiel ist, wo die Hand ihn umschließt, ein wenig ausgebuchtet, damit er besser "darin liegt". Alles schon interessant — aber erst ganz vorne das, was die Experten die Laffe nennen: leicht aufwärts gekrümmt, die an den Ecken gerundete Vorderkante abgeschrägt — so schmiegt sie sich in den runden Pfannenrand. Und da die Laffe vorn auch ein wenig dünner wird, läßt sich der Bratenwender leicht unter das schieben, was man brät und was man, damit es nicht anbrenne und gleichmäßig gar werde, wenden muß: Fisch, Fleisch und Gemüse, Reis und Nudeln, Bratkartoffeln und Spiegelei oder was man röstet. Die Kante ist scharf genug, um Angebakkenes abzukratzen — auch rund und weich genug, um zum Beispiel eine Teflonpfanne nicht zu zerkratzen.

Und je älter er wird, desto schöner wird er. Nicht nur geben ihm die drei leichten Einrisse vorn diesen gewissen Gebrauchstüchtigkeits Charme, es ist auch die Färbung, die er im Laufe der Jahre angenommen hat, und weiter vorne desto schwärzer: Verbrennungsspuren. Wie ein Hochofenarbeiter gerät er zwar nie ins Feuer — aber ihm doch so nahe, daß davon Spuren bleiben. Nur wird er niemals krank daran. Er könnte wohl hundert Jahre alt werden.