Grenzsoldaten vor Gericht: Wer ist verantwortlich für die Todesschüsse?

Von Rainer Frenkel

Berlin, im September

Andreas Kühnpast hat es dann schließlich auch geschafft. Irgendwie ist es ihm gelungen, der pöbelnden und sich beinahe prügelnden Photographenhorde zu entkommen.

Nun sitzt er auf der Anklagebank in jenem Raum 700 des Kriminalgerichts Berlin-Moabit, in dem Panzerglas-Verschläge an RAF-Prozesse erinnern. Er weiß, daß alle Augen im Saal auf ihn blicken, auch die von Karin Gueffroy. Er weiß es, aber er sieht nicht hin. Klein, blaß, noch jünger wirkend, als er mit seinen 27 Jahren ist, starrt er vor sich hin.

Andreas Kühnpast, Mike Schmidt, Ingo Heinrich und Peter Schmett – nacheinander kommen sie herein und füllen, jeder mit zwei Verteidigern, die Anklagebänke, über denen später Richter und Ankläger thronen werden. Wenn einer von ihnen vernommen wird, sitzt er auf einem Stuhl allein unter denen, die über sein Tun urteilen werden, Mitangeklagte und Verteidiger im Rücken. Die Architektur des dunkel getäfelten Raumes symbolisiert Machtverhältnisse.

Die vier da unten waren Grenzsoldaten der DDR. Am 5. Februar 1989 haben sie alle auf zwei Flüchtlinge geschossen. Einer der Fliehenden, Christian Gaudian, wird verletzt; der andere, Chris Gueffroy, stirbt – von einer Kugel ins Herz getroffen. Chris Gueffroy ist, neun Monate vor der Öffnung der Mauer, das letzte bisher bekannte von mehr als 200 Opfern, die starben, weil sie ihr Land verlassen wollten.