Riccardo Bacchelli – er wäre am 19. April diese Jahres hundert geworden – ist ein literarischer Universalist; er hat Gesellschaftsromane, phantastische Novellen, Gedichte und Essays geschrieben; das Tragische war ihm ebenso vertraut wie eine oft recht deftige Komik. Immer wieder ist der aus Bologna stammende und 1985 verstorbene Autor zur Geschichte seines eigenen Landes zurückgekehrt. Mit seinem epischen Hauptwerk, der historischen Romantrilogie "Il mulino del Po" ("Die Mühle am Po") aus den Jahren 1938 bis 1940 beansprucht Bacchelli zumindest in Italien einen festen Platz in den Annalen der Literaturgeschichte. Läßt sich Ähnliches von seinem erstmals 1949 erschienenen Roman "La cometa" ("Der Komet") sagen?

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Hochkonjunktur für falsche Propheten. Pomilio Bruscantini, der pikarische Held des "Kometen", tarnt sich als Koryphäe der Wissenschaft; er sagt den Absturz eines Kometen voraus und bringt Unruhe in einen Ort der geschichtlichen Bedeutungslosigkeit; dieser "Abenteurer des esoterischen Schwindels" leitet kostspielige Schutzmaßnahmen gegen die Auswirkungen einer möglichen Katastrophe ein. Das Geld – es handelt sich um Millionenbeträge – fließt in seine Tasche. Rechtzeitig vor der Ankunft des Kometen, der sich als sanfte Himmelserscheinung entpuppt, verschwindet Bruscantini mit seinen Komplizen. In Fumalvento, dem aufgestörten Kaff, bleibt alles beim alten. Eine "geschichtliche" Episode ist zu Ende.

Bacchelli ergreift Partei für den Rattenfänger Bruscantini. Aus der Vogelschau des Erzählers ist dieser melancholische Gauner letzten Endes der Prototyp des Dichters, der die Zügel seiner Phantasie schießenläßt. Bacchelli hat wenig Mitleid mit den leichtgläubigen Opfern; seine Sympathien für den "Zauberkünstler" haben mit der Bewunderung für einen Kollegen zu tun.

Was sich zunächst als frivole Schelmengeschichte und burleske Komödie ausgibt, verwandelt sich im Nu in ein literarisches Quodlibet, dessen Zusammenhänge erst bei fortschreitender Lektüre sichtbar werden. Bacchelli fällt sich gern ins Wort; genealogische und politische Exkurse unterbrechen die Erzählung; Mord und Totschlag fehlen im "Kometen" so wenig wie Marginalien über die Verbindung von Rhetorik und Massenhysterie. Die Beschreibung eines üppigen Festmahls erweist sich als eine literarische Gourmandise. Oft macht der Fabulist dem Ironiker Platz, der doziert und kommentiert.

Die Qualität dieser Zwischenspiele, der komödiantischen und der tragischen Einblendungen, kompensiert die Schwächen der Fabel. Bacchellis "Komet" bietet sich als ein Ensemble von Geschichten, Portraits und Glossen dar. Die Teile stehen im Dienst eines Ganzen, sie fügen sich zu einem Mosaik. Diese Stadtchronik entpuppt sich als ein literarisches Bestiarium; die kleine Welt von Fumalvento spiegelt die Naturgeschichte der Menschheit. Darüber hinaus hat Bacchelli eine Parabel über die Angst und die Verführbarkeit geschrieben. Hansjörg Graf

  • Riccardo Bacchelli:

Der Komet

Ein tragikomischer Roman; aus dem Italienischen von Stefan Oswald; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 1990; 355 S., 44,– DM