Von Ulrich Herbert

Zwischen 1938 und 1945 wurden insgesamt etwa 90 000 Männer und 13 500 Frauen in das Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg eingeliefert; der überwiegende Teil erst im letzten Kriegsjahr. Zwischen 23 000 und 28 000 Menschen wurden in diesem Lager zugrunde gerichtet oder umgebracht; zwei Drittel von ihnen in den letzten zwölf Kriegsmonaten. Die Zahl der Deutschen unter den Häftlingen war relativ gering; spätestens seit 1940 waren sie in der Minderheit, bei Kriegsende stellten sie weniger als zehn Prozent aller Häftlinge in Neuengamme. Ebenso war der Anteil der "Politischen" im Vergleich zu den als "Asoziale" oder als "Arbeitsverweigerer" bezeichneten Häftlingen relativ klein. Und die wenigen Juden, die in dieses Lager gesperrt worden waren, wurden bis zum Frühjahr 1942 sämtlich nach Auschwitz gebracht.

Im Vergleich zur Bedeutung, die der Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager bis heute in der Diskussion zukommt, ist die tatsächliche Entwicklung des KZ-Systems und der Verhältnisse in den einzelnen Stamm- und Außenlagern erstaunlich wenig erforscht. Dies gilt besonders für die politische und "weltanschauliche" Zielsetzung der SS-Führung, für die Situation in den Lagern der von Deutschland besetzten Gebiete des Ostens und vor allem für den Aspekt des Arbeitseinsatzes der KZ-Häftlinge, sei es in SS-eigenen Betrieben, sei es in der Privatindustrie.

Dieser letzte Aspekt war nun lange Zeit von den Dichtung und Wahrheit geschickt verknüpfenden Darstellungen Albert Speers ("Der Sklavenstaat"), einem der Hauptverantwortlichen für den Zwangsarbeitereinsatz von KZ-Häftlingen, bestimmt; und erst die große Studie von Falk Pingel vor zehn Jahren hat Speers Fehldeutungen und Irreführungen auf breiter Quellengrundlage korrigiert. Auf der anderen Seite bestanden und bestehen in Wissenschaft und Publizistik, zumal in Deutschland (West wie Ost), zum Teil geradezu abenteuerliche Vorstellungen vom Ausmaß und der wirtschaftlichen Bedeutung des Zwangsarbeitereinsatzes von KZ-Häftlingen; sei es, daß die (1943 etwa 100 000, Ende 1944 etwa 500 000) KZ-Häftlinge mit den (im Sommer 1944 etwa sechs Millionen) ausländischen Zivilarbeitern und den (etwa zwei Millionen) Kriegsgefangenen verwechselt wurden, die vor allem aus der Sowjetunion, Polen und Frankreich nach Deutschland zum "Arbeitseinsatz" in Landwirtschaft und Industrie verbracht worden waren; sei es, daß die wirtschaftliche Bedeutung des Arbeitseinsatzes der KZ-Häftlinge über Gebühr herausgehoben oder gar als vorrangiges Ziel ihrer Inhaftierung angesehen wurde.

Hermann Kaienburg hat nun eine umfangreiche Studie über die Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen vorgelegt, in der die Entwicklung des Häftlingseinsatzes und die sich wandelnden Zielsetzungen Himmlers und der SS detailliert untersucht werden. Seine Ergebnisse sind geeignet, die Spekulationen über Größenordnung und Bedeutung des Häftlingseinsatzes zu beenden und den Blick wieder auf die Wirklichkeit des NS-Lagersystems zurückzulenken. Kaienburg verbindet eine Analyse der Entwicklung des Häftlingseinsatzes in den deutschen Konzentrationslagern insgesamt mit einer Fallstudie über das Lager Neuengamme; da aber die Akten der Lagerverwaltung nicht erhalten sind, war der Autor hier im wesentlichen auf die in großer Zahl vorliegenden Erinnerungsberichte und Befragungen ehemaliger Häftlinge, auf die Unterlagen der Nachkriegsprozesse gegen das Neuengammer SS-Personal sowie auf die Sekundärliteratur angewiesen.

Der Autor durchschreitet in seinem Buch die vier Etappen des Arbeitseinsatzes von KZ-Häftlingen und untersucht dabei jeweils die Politik der SS-Führung und deren Auswirkungen auf die Lage der Häftlinge. In der ersten Phase vor 1938 dienten die Konzentrationslager in erster Linie der Inhaftierung und Drangsalierung der innenpolitischen Gegner der Nationalsozialisten; die Arbeit der Häftlinge hatte keine wirtschaftlichen Ziele, sondern war eine der Formen der Demütigung und "Bestrafung". Zwischen 1938 und 1941/42 nahm die Zahl der Einweisungen rapide zu, und in dem Maße, wie sich abzeichnete, daß die Konzentrationslager eine Dauereinrichtung des NS-Staates mit sehr hohen Belegungszahlen werden würden, versuchte die NS-Führung, die Arbeitskraft der Häftlinge gewinnbringend einzusetzen, um auf diese Weise finanziell vom Staat und vor allem vom Schatzmeister der NSDAP unabhängig zu werden. Kaienburg zeigt aber, daß der nun betriebene Aufbau SS-eigener Betriebe (vor allem in der Baustoffgewinnung) halbherzig und dilettantisch angegangen wurde und sich die Behandlung der Häftlinge keineswegs an wirtschaftlichen Maximen orientierte. Vielmehr waren die Arbeitsbedingungen bei den Tiefbau- und Baustoffbetrieben außerordentlich schlecht; die Ernährungsrationen der Häftlinge wurden bei Kriegsbeginn noch abgesenkt, die Häftlinge wurden mißhandelt und viele von ihnen zugrunde gerichtet. Nicht wirtschaftliche, sondern politische Ziele der SS standen im Vordergrund: die Unterdrückung und Entkräftung von politischen Gegnern, seit 1938 aber vor allem von "Fremdvölkischen" und "rassisch Minderwertigen" in den Konzentrationslagern.

Seit Ende 1941 gewann im Zuge der sich verändernden Kriegslage der Arbeitseinsatz der KZ-Häftlinge eine ganz neue Bedeutung: Die SS versuchte, sich mit den KZ-Häftlingen in dem immer wichtiger werdenden Rüstungsbereich zu etablieren; das aber stieß von seiten der Industrie auf Ablehnung, so daß Himmler seit Herbst 1942 dazu überging, statt eine SS-eigene Rüstungsproduktion aufzubauen nun KZ-Häftlinge in größeren Gruppen an private Industrieunternehmen gegen Entgelt auszuleihen und zu diesem Zwecke eigene "Außenlager" bei den Fabriken einzurichten. Leider untersucht Kaienburg die Verhältnisse, die in diesen Außenlagern herrschten, nicht. Aus anderen Studien wissen wir aber, daß die Lage der KZ-Häftlinge dort um so schlechter war, je weniger sie als qualifizierte Kräfte in der Produktion selbst eingesetzt wurden. In den SS-eigenen Betrieben und im Hauptlager Neuengamme schlug sich die von Himmler ausgegebene Parole vom Vorrang des Arbeitseinsatzes auf die Behandlung der Häftlinge nicht nieder – im Gegenteil: Verpflegung und Arbeitsbedingungen wurden immer schlechter, und die Zahl der Todesfälle nahm stark zu.