Vom Schmelztiegel reden längst nur noch wenige. Aber ob Amerika ein "prächtiges Mosaik" ist, dessen Gesamtbild größeren Glanz besitzt als die Vielfalt seiner Teile, wie New Yorks Bürgermeister Dinkins hofft; oder ob Amerika, wie der Historiker Arthur Schlesinger befürchtet, von der Integration in den ethnischen Separatismus abdriftet – darüber hat eine grundsätzliche Diskussion eben erst begonnen. Die jüngsten Konflikte zwischen Schwarzen und Juden in Brooklyn, denen andere gewalttätige Auseinandersetzungen – und nicht nur im Bereich New York – vorangegangen waren, haben Dringlichkeit geboten.

New York ist nicht Amerika. Doch die Stadt ist auch für die Amerikaner der Inbegriff der polyglotten Metropole. Wenn in New York der Sinn für Koexistenz zusammenbricht, wenn es – um in den Bildern Arthur Schlesingers zu bleiben – vom Schmelztiegel zum Babylonischen Turm gerät, dann sind die Vereinigten Staaten insgesamt betroffen. Drei Tage lang hatte in Brooklyn schwarzer Zorn gewütet. In jener fatalen Mischung aus frustrierten, fanatischen Jugendlichen und Pöbelelementen hatte sich angestaute Aggressivität gegen Juden entladen; ein australischer Chasside war ermordet worden, nachdem ein schwarzer Junge von einem Begleitauto aus der Kolonne des Oberrabbiners zermalmt worden war. Der Fahrer des Unglückswagens hatte Anschluß halten wollen, war bei Rot über die Kreuzung gefahren und nach einer Kollision ins Schleudern geraten. Wäre ein schwarzer Fahrer nicht auf der Stelle festgenommen worden? – fragten sofort die Schwarzen.

Die Frage ist nach wie vor von erheblicher Brisanz, weil ein Geschworenengericht demnächst entscheiden wird, ob überhaupt Anklage erhoben werden soll. Stadtbekannte Prediger des Rassenhasses unter den Schwarzen schüren daher schon jetzt Argwohn, die zuständigen Polizei- und Justizbehörden würden von einflußreichen Lubawitscher Juden manipuliert. Sie stützen sich nicht ohne Erfolg auf die verbreitete Überzeugung, wonach die jüdische Minderheit von den Behörden schon immer besser behandelt worden sei als die schwarze Mehrheit. Daß ein prominenter Kolumnist der New York Times die Ereignisse in Brooklyn jetzt zum Anlaß nimmt, ein typisches Pogrom zu diagnostizieren und vor einer landesweiten Pogromstimmung zu warnen, scheint der Lage wenig angemessen.

Da kamen die Bürgermeister von Boston und Atlanta der Ursache der Spannungen schon näher. Sie waren es, die dieser Tage – zum wie vielten Male? – die Misere der amerikanischen Städte auf die Prioritätenliste der Nation stellten. Weder der Präsident noch Regierung und Kongreß, so beklagten sie, hätten den Mut, den Problemen der Kriminalität, der Drogen und einer perspektivenlosen Jugend an die Wurzel zu gehen.

Zweifellos können Gewaltverbrechen wie der Mord an dem jungen Chassiden in Brooklyn nicht wegerklärt werden, so tragisch der Anlaß auch war. Es wäre aber ebenso falsch zu verkennen, daß der Zorn vieler schwarzer Jugendlicher in Brooklyn weit darüber hinausreichte. Für viele war das tote schwarze Kind genauso ein Opfer der obwaltenden Verhältnisse, wie sie sich selbst als Opfer der Diskriminierung sehen: auf schlechten Schulen, ohne Arbeit, als Objekt brutaler Polizeibeamter. Dem New Yorker Bürgermeisteramt ist dieser Zusammenhang nicht verborgen geblieben. Aber was kann den Teufelskreis durchbrechen? Wer kann ein Minimum an Vertrauen in die Gesellschaft und ihre kommunalen Organe schaffen? Wer kann die Energien der Jugendlichen für einen Gemeinsinn engagieren? Überläßt man sie aber den Parolen der Radikalen und Rassisten, dann kommt die nächste Explosion bestimmt.

Soziale, ethnische und rassische Spannungen gehen in den Vereinigten Staaten Hand in Hand. Sie lassen sich nicht isolieren und getrennt behandeln. Das macht Amerikas Probleme so ungeheuer groß, daß selbst der Präsident nicht wagt, sie anzupacken. Ulrich Schiller