Von Marion Gräfin Dönhoff

Kein Zweifel: Das hat es noch nicht gegeben, daß eine ausgewachsene Millionenstadt sozusagen neu gegründet werden muß. Eine Neubestimmung Berlins ist aber notwendig, nachdem die beiden Teile fast ein halbes Jahrhundert lang voneinander getrennt waren – nicht nur mal eben getrennt, sondern bewußt politisch, ideologisch, ökonomisch und sozial auf diametral entgegengesetzte Weise entwickelt worden sind.

Überdies liegt Berlin ja nicht mehr am Rande der Welt, sondern befindet sich mitten in dem Gebiet der sich verändernden Wirtschafts- und Sozialstrukturen Europas. Da ergeben sich viele Planungsprobleme, Standortwünsche und Flächenforderungen von Investoren.

Darum war es eine ausgezeichnete Idee, daß Volker Hassemer, Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz, im April dieses Jahres das "Stadtforum" gründete. Es ist ein einzigartiges Unternehmen, das der Einzigartigkeit der Aufgabe entspricht, ein breitgefächertes Gremium von Bürgern: Soziologen, Städtebauern, Architekten, Politikern, Schriftstellern, Kommunalbeamten, Journalisten. Sie – es sind etwa fünfzig insgesamt – stellen eine Art öffentliches Forum dar, das Überlegungen grundsätzlicher Art zur Topographie der Stadt anstellt.

Hassemer sagt, dieses Gremium solle ihm helfen, "Ideen, Bedenken, Argumente, Kritik aus vielen anderen Feldern der Gesellschaft einzuholen, um die Öffentlichkeit nicht erst mit fertigen Konzepten und Ergebnissen zu konfrontieren". Es ist also ein Verfahren, das der Meinungsbildung dient. Natürlich ist sehr bald auch Kritik laut geworden: zu hochtrabende Reden, zu komplizierte Sprache, zu wenig konkret, keinerlei Entscheidungen – wobei übersehen wird, daß das Forum für Entscheidungen gar nicht zuständig ist.

Welche Probleme werden behandelt? Beispielsweise das Verkehrskonzept, die "Nutzungsmischung", Planung von Freiluft- und Erholungsgebieten. Es geht um Stadt/Umland-Beziehungen; um die Großsiedlungen, die auf der Grünen Wiese im Osten entstanden sind: Marzahn, Hellersdorf, Hohenschönhausen – Wohnsilos für 400 000 Menschen, die fern von deren Arbeitsstätten angelegt wurden. Es geht auch um den Grundstreit: Sollen um der geschichtlichen Wahrheit willen gewisse "Denkmäler", beispielsweise Teile der Mauer oder Wahrzeichen des sozialistischen Realismus, erhalten bleiben oder nicht?

Diskussionen fanden auch statt zum Thema der "Verdichtung": Der Bedarf an zusätzlichen Büros wird für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre auf zehn bis sechzehn Millionen Quadratmeter geschätzt, was in etwa einer Verdoppelung des heutigen Standes entspricht. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts müssen ferner circa 200 000 Wohnungen in Berlin gebaut werden. Eine Prognose besagt, daß Berlin sich als Dienstleistungszentrum wahrscheinlich entlang des Stadtringes entwickeln werde. Ferner: Wo sollen, wo dürfen Hochhäuser angelegt werden?