Von Günter Metken

Lyonel Feiningers legendärer "Halle-Zyklus" – zum erstenmal seit sechzig Jahren ist er jetzt in der Staatlichen Galerie Moritzburg der Stadt wieder zusammengeführt. Vier der ursprünglich elf Bilder fehlen allerdings (zwei sind seit der Nazizeit wohl endgültig verloren, zwei blieben in ihren jetzigen Museen), und von den 29 Zeichnungen konnte nur noch die Hälfte wiedervereinigt werden. Und doch: Welch ein Fest! Der "Halle-Zyklus" ist der Höhepunkt im Werk Feiningers. Er kam in den Jahren 1929 bis 1931 aufgrund eines gelungenen Zusammenwirkens zwischen Stadt, Museum und dem Künstler zustande, der viele Monate in Halle arbeitete und zeitweilig dorthin zu übersiedeln gedachte; sogar eine Stelle an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein war im Gespräch.

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"So eine Zeit wie jetzt! Wo jeder Tag etwas Positives bringt, Tagwerk an Tagwerk gereiht, wächst ein konzentriertes und zielbewußtes Schaffen zu einer Reihe von Bildern heran [...] Eine größere Breite in der Malerei habe ich mir seit Jahren ersehnt, und mir scheint, als hätte ich sie hier erreicht." Es war das Jahr 1928, als Lyonel Feininger diese Zeilen an seine Frau sandte. Er schrieb sie aus dem fünfeckigen Torturm der Moritzburg, dessen oberstes Geschoß, heute Münzkabinett, ihm als Atelier diente. Die in Halle residierenden Erzbischöfe von Magdeburg hatten sich die Burg Anfang des 16. Jahrhunderts, um einen großen Hof herum, als Stadtwohnung errichten lassen.

Feininger, der die Einsamkeit kultivierte, kam sich in dem Refugium mit seinem Rundpanorama über die Stadt wie ein "Klosterbruder" vor. Um in die Klause mit den Lichtspielen und rotgoldenen Sonnenreflexen an den Wänden zu gelangen, durchwanderte er, abends oft mit der Taschenlampe, das damals noch Städtische Museum, das Max Sauerlandt bis 1919 zu einer bedeutenden Sammlung zeitgenössischer Kunst ausgebaut hatte. Bedeutende Werke von Emil Nolde, Oskar Kokoschka und den Malern der "Brücke" hingen an den Wänden. Alois J. Schardt, sein Nachfolger, hatte diese Öffnung zielbewußt fortgesetzt und Werke von El Lissitzky und den Malern des nahen Bauhauses in Dessau, Klee, Kandinsky, vor allem Lyonel Feininger (1871 bis 1956) erworben, in dessen Werk sich ihm die Dynamik der Gegenwart exemplarisch zu spiegeln schien.

So war Schardts Wahl ganz natürlich auf den Deutsch-Amerikaner gefallen, als der Magistrat von Halle 1928 beschlossen hatte, für das Oberpräsidium in Magdeburg eine Stadtansicht malen zu lassen. Feininger, für den dies der erste öffentliche Auftrag war, willigte ein. Zwar war er noch "Meister" am Bauhaus, fühlte sich aber dort, wie die anderen freien Maler, fehl am Platz, seit Direktor Hannes Meyer den Akzent immer mehr auf Industriedesign und Sozialarchitektur verschob.

Mit der Stadt bestand sofort Wahlverwandtschaft. "Halle is the most delightful town", meldete er, kaum angekommen, nach Hause und beschloß umgehend, nicht nur ein Bild, sondern eine ganze Serie zu malen. In Halle fand er, was seinen malerischen Intentionen und seinem meditativen Temperament zwischen Romantik und kalkulierter Konstruktion entspricht: den perspektivischen Szenenwechsel einer alten Stadt mit ihren Überschneidungen von Giebeln und Dächern, den Engführungen, Richtungswechseln und Aufblicken. Letztere vor allem, münden doch nicht weniger als vierzehn Gassen in den weitläufigen, unregelmäßig abfallenden Marktplatz. Vorher gab die kapriziöse Straßenführung immer wieder Durchblicke auf Fialen und Strebewerk frei, ehe ganz sichtbar wurde, was das Herz der Stadt und des Bilderzyklus ausmacht: die Baugruppe von Marienkirche und Rotem Turm. Vielteilig, durchbrochen, nach oben strebend die eine; robust, aus einem Guß und auf kräftiger Basis ruhend der andere, stehen sie sich wie Symbole von kirchlichem und weltlichem Regiment gegenüber.