Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sucht die Ökonomie nach einer neuen Orientierung

Von Nikolaus Piper

Die wilden Jahre des Kapitalismus, das waren die achtziger: In Washington regierte Ronald Reagan, in Großbritannien Margaret Thatcher; beraten von konservativen Ökonomen wie Arthur Laffer und Milton Friedman, senkten sie Steuern, kürzten Sozialprogramme, privatisierten Staatsfirmen und brachen die Macht der Gewerkschaften. Manager erwarben ungeahnte Entscheidungsfreiräume, die deregulierten Finanzmärkte explodierten, blutjunge Wertpapierhändler konnten an der Wall Street Vermögen verdienen, Fusionen und feindliche Unternehmensaufkäufe waren an der Tagesordnung. Gier und ungezügeltes Gewinnstreben avancierten zu respektablen Eigenschaften.

In der Bundesrepublik fiel die Deregulierung vergleichsweise bescheiden aus. Immerhin brachten die achtziger Jahre den Westdeutschen das Privatfernsehen, eine Steuerreform für den oberen Mittelstand, ein paar Privatisierungen, eine verunglückte Postreform und den Dienstleistungsabend. Grundsätzlichere Strukturveränderungen unterblieben.

Am Ende des Jahrzehnts erlebte schließlich die Marktwirtschaft ihren endgültigen Triumph: Der Kommunismus brach zusammen, die vermeintliche Alternative zum Kapitalismus offenbarte sich auch dem letzten gläubigen Sozialisten als monströse Lüge. Ein Prinzip schien sich durchgesetzt zu haben: der Markt als wichtigstes, wenn nicht sogar einziges Regulativ in der Gesellschaft – Laissez-faire.

Doch nun, da der Erbfeind verschwunden ist, werden die Sieger der Geschichte von merkwürdigen Selbstzweifeln umgetrieben. In den Vereinigten Staaten ist im Frühjahr ein Buch unter dem verblüffenden Titel erschienen: "Das Ende des Laissez-faire". Der linksliberale Wirtschaftspublizist Robert Kuttner stellt darin die These auf, daß die Utopie der sich selbst regulierenden Marktwirtschaft nur ideologischer Hintergrund für die amerikanische Dominanz im Westen während des Kalten Krieges gewesen sei. Mit dessen Ende habe folglich auch das Laissez-faire-Prinzip ausgedient. Nun müßten sich die Regierungen, allen voran die amerikanische, wieder aktiv um die wirklichen Interessen ihrer Völker kümmern und entsprechend massiv in Wirtschaft und Handel eingreifen.

Bemerkenswert ist weniger das Buch selber als vielmehr das landesweite Echo, das Kuttner als intellektueller Berater der Linken in der Demokratischen Partei mit seiner Schrift auslöste – deren einprägsamer Titel im übrigen einem berühmten Essay des britischen Ökonomen John Maynard Keynes aus den zwanziger Jahren entlehnt ist. Die Washington Post sieht bereits Indizien dafür, daß die bisherige Meinungsführerschaft konservativer Intellektueller in der Ökonomie bald zu Ende sein und eine neue Ära linksliberaler Dominanz beginnen könnte.