Von Zbigniew Brzezinski

WASHINGTON. – Das Drama des Putsches in Moskau war nicht nur das letzte Aufbäumen des sowjetischen Kommunismus, sondern auch der Sowjetunion, wie wir sie bisher gekannt haben. Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen:

Erstens: Das Fehlschlagen des Coups hat auch zur Folge, daß die furchtbarsten Institutionen der sowjetischen Zentralgewalt demoralisiert sind und ihre Macht verloren haben. Selbst die Verschwörer wollten sich nicht mehr mit der ehemals herrschenden KPdSU identifizieren, obwohl ihr Putsch doch das Ziel hatte, deren Macht zu erhalten. Die vollständige Auflösung der KPdSU ist nur noch eine Frage der Zeit.

Das KGB, ehedem als Apparat des Terrors gefürchtet, ist nur noch eine Vogelscheuche, der zahnlose Schatten seiner tödlichen Vergangenheit. Das KGB wird jetzt wahrscheinlich aufgelöst werden, und in seinen Gefängnissen werden wohl manche Drahtzieher der Verschwörung für längere Zeit verschwinden.

Das sowjetische Militär hat gezeigt, daß es noch unfähiger war, die sowjetische Bevölkerung zu unterdrücken, als den Widerstand in Afghanistan zu brechen. Die Armee hat gewissermaßen ihren zweiten Krieg in Folge verloren. Das Zögern der sowjetischen Truppen während des Putsches zeigt, wie weit die Demoralisierung im ehemals mächtigsten Militärapparat der Welt fortgeschritten ist.

Zweitens: Eine weitere Folge der Ereignisse ist der enorme Machtzuwachs der einzelnen nationalen Republiken. Während der Putschversuch lief, verteidigten die nichtrussischen Republiken hartnäckig ihre Rechte. Selbst die relativ obrigkeitshörige Republik Kasachstan machte unmißverständlich klar, daß sie nicht länger mehr dem Diktat des Kremls gehorchen wird; Estland folgte dem Beispiel Litauens und Georgiens und proklamierte einseitig seine Unabhängigkeit. Die Regierung der Ukraine bestritt zwar nicht direkt die Autorität der möglichen neuen Herrn im Kreml, machte aber deutlich, daß sie sich nicht länger mehr an deren Befehle gebunden fühlen wird.

Der Fehlschlag der Verschwörung macht die Wiederbelebung der Zentralgewalt noch unwahrscheinlicher. Im Gegenteil: Die Dezentralisierung und partielle Auflösung der Sowjetunion sind beschleunigt worden.