Bundesarbeitsminister Norbert Blüm war Ende April in Den Haag, um sich die niederländische Pflegeversicherung erklären zu lassen. Schon seit 1968 gilt in Holland das Algemeene Wet Bijzondere Ziektekosten (AWBZ), zu deutsch das Allgemeine Gesetz Besondere Krankheitskosten. Diese Pflegepflichtversicherung ist gesetzlich, entspricht also prinzipiell dem Blüm-Modell. Allerdings müssen nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch die Selbständigen Beiträge zahlen. Das sind derzeit 5,8 Prozent des Jahreseinkommens bis 43 000 Gulden (ein Gulden entspricht rund neunzig Pfennigen). Bei Arbeitern und Angestellten trugen die Arbeitgeber früher einen Teil des Beitrags. Seit 1990 sind sie aus der Pflicht, haben aber dafür Löhne und Gehälter erhöht. 1989 gab die Pflegeversicherung rund 14 Milliarden Gulden aus.

Der holländische Beitragssatz von 5,8 Prozent ist Gegnern der Blümschen Pflegeversicherung ein willkommenes Argument: Der Bundesarbeitsminister werde mit dem angestrebten Satz von zwei Prozent nie und nimmer auskommen. Der Vergleich ignoriert bestehende Unterschiede. Die holländische Pflegeversicherung trägt zum Beispiel auch längere Aufenthalte im Krankenhaus oder Kosten psychiatrischer Behandlung. Dafür sind in Deutschland die Krankenkassen zuständig. Rechnet man diese Leistungen heraus, bleibt ein Beitragssatz von ungefähr zwei Prozent. Diese Zahl durfte nun Blüm als Pluspunkt mit nach Hause nehmen.

Seine Gegner indes halten mit Blick auf Holland ein zweites Argument parat: Die Pflegeversicherung treibe die alten Menschen in die Heime. Nur auf den ersten Blick haben sie recht. Während es 1968 in den Niederlanden 28 000 Pflegebetten gab, sind es nunmehr 51 000. Weil es Geld für Heimplätze gibt, sind fleißig Pflegeheime gebaut worden. Deren Leitung sorgte dann dafür, daß die Betten nicht leer blieben. Zudem mußten sich Senioren in normalen Altenwohnheimen stärker an den Kosten ihrer Unterbringung beteiligen als solche in Pflegeheimen; bei denen zahlte die Versicherung mehr. Also versuchten alte Menschen, ins Pflegeheim zu kommen, um Geld zu sparen. Inzwischen ist der Eigenanteil deshalb angehoben worden. Auch den anfänglichen Fehler, häusliche Pflege nicht genug zu fördern, haben die Holländer korrigiert: Heute existiert in den Niederlanden eines der besten ambulanten Versorgungssysteme der Welt. Mit Geld aus der AWBZ sowie aus Beiträgen ihrer Mitglieder können die gemeinnützigen "Kreuz-Vereinigungen" eine umfassende Pflege zu Hause gewährleisten. Nicht zuletzt deshalb ist der zunächst rasante Anstieg der Heimbettenzahl in den letzten Jahren zurückgegangen.

Die Regierung des Nachbarlandes, so erfuhr Norbert Blüm bei seinem Besuch, ist heute mit der Pflegeversicherung zufrieden. Alte Menschen müssen kaum noch Sozialhilfe in Anspruch nehmen. Der Staat spart Geld.

Ist die niederländische Pflegeversicherung also ein Modell für die Bundesrepublik? "Sie eignet sich durchaus für gründlichen Anschauungsunterricht", urteilt Joachim Müller, ehemals Sozialexperte an der Deutschen Botschaft in Den Haag. D.K.