Unlängst hatte ich Gelegenheit, den Fernsehfilm einer israelischen Autorin über den Widerstand gegen Hitler in Deutschland zu sehen. Kaum begreiflich, daß aufrechte Männer wie Graf Staufenberg, der mutige Attentäter des 20. Juli 1944, noch bis in den Anfang des Zweiten Weltkrieges von Hitler und seinen Erfolgen eingenommen werden konnten. Erschreckend aber auch die naive Arroganz, mit der insbesondere die Führungen in London schon vor dem Krieg jede Unterstützung, ja jeden Kontakt mit den tapferen Deutschen zurückwiesen. Widerlich schließlich die devote Zustimmung der Claqueure im Volksgerichtshof, wenn Freisler seine haßerfüllten Tiraden losließ. Unser Urteil über all das ist heute einhellig und eindeutig.

Was aber heute für uns so durchsichtig geworden ist, lag für viele Menschen damals offenbar unerkennbar hinter Nebelschwaden. Was heute moralisch so eindeutig erscheint, war damals vieldeutiger und offener. Was heute nur noch eine große Dummheit war, konnte damals offenbar ein vertretbarer Irrtum sein.

Oder: Wenn wir heute über den Marxismus und seine ebenso brutalen wie zerstörerischen Anwendungsformen in der Sowjetunion, Osteuropa und anderen Teilen der Welt richten, schauen wir zurück von einem langen Weg der Erfahrungen auf sehr viel unsicherere Anfänge vor vielen Jahrzehnten. Marcel Reich-Ranicki heute auf Sätze über Stalin aus den fünfziger Jahren zu nageln ist töricht. Ebenso töricht wäre es gewesen, den Widerstandskämpfer Carl Goerdeler daran zu messen, daß er 1934 bereit war, Preiskommissar im Kabinett Hitler zu sein – und zu meinen, hier wirklich etwas für sein Vaterland tun zu können. Ich finde, auch Barbara Tuchmann hat es sich zu leicht gemacht, wenn sie von den Torheiten der Regierungen schrieb, anstatt von den Schwierigkeiten aus der Zeit zu urteilen und in die Zukunft zu sehen.

Mir scheint, daß wir auch bei der sogenannten Bewältigung der DDR-Vergangenheit allzuleicht bereit sind, vom sicheren Port nachträglich gesicherter Erfahrungen zu urteilen. Wie schwer ist es aber für uns heute in den frühen Anfängen der DDR zwischen gutgemeintem Irrtum, Opportunismus und zynischer Machtpolitik zu unterscheiden! Ich meine, wir sind hier als Richter überfordert – nicht nur, weil wir nicht dabeiwaren, sondern eben auch, weil wir aus einer anderen Zeit mit anderen Kenntnissen und anderen Erfahrungen urteilen.

Anstatt uns in dieser Weise ständig mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sollten wir besser versuchen zu erkennen, ob wir heute vielleicht vergleichbaren Irrtümern wie unsere Väter in den dreißiger Jahren in Deutschland (oder in den fünfziger Jahren in Osteuropa) erliegen; ob wir vielleicht auch heute dem akuten Druck von mißverstandenen Mehrheitsinteressen nachgeben, die uns in eine gefährliche Zukunft führen.

Unser hoher Lebensstandard, zum Beispiel, verweigert sich nicht nur jedem Teilen; die jährlich steigenden Kosten verlangen sogar einen jährlichen Zuwachs, schon damit kein Abstieg erfolgt! Welche Folgen aber ein dramatisches Wirtschaftsgefälle zwischen Ost und West in Europa haben könnte, haben die Anstürme der Albaner auf Italien bisher wohl nur ahnen lassen.

Was aber tun wir angesichts dieser heute offenkundigen Gefahr in Europa? Wie offen zum Beispiel erweist sich die Europäische Gemeinschaft gegenüber Warenlieferungen und Dienstleistungen aus Osteuropa, wenn diese zu erheblich günstigeren Preisen als ihre westlichen Konkurrenten liefern könnten und auch nur so in der Lage wären, schrittweise ihren Lebensstandard dem unseren anzupassen? Wie wird Westeuropa mit dem großen Agrarpotential Osteuropas umgehen?