Ich glaube, daß einem Film ein Traum vorausgehen muß, entweder ein regelrechter Traum, an den man sich beim Aufwachen erinnert, oder ein Tagtraum,

Ich will das nicht verallgemeinern, das gilt sicher nicht für alle Filme. Viele Filme brauchen keinen Traum, sie sind Ergebnisse von Kalkül und somit nicht Investitionen emotioneller, sondern finanzieller Art. Aber von denen rede ich nicht. Ich rede von den Filmen, die eine Seele haben, denen man ein Zentrum anmerkt, die eine Identität ausstrahlen. Die sind allesamt "erträumt" worden, da bin ich sicher.

Nun ist ein Film oft ein langwieriges Unterfangen, im Laufe dessen man aufgrund mancher Unbillen an seiner Sache zweifeln mag oder sie auch tatsächlich aus den Augen verlieren kann. Dann braucht man eine Energiequelle, die nicht versickert oder verlöscht. Eben diese Kraft, von der ein Film von seiner ersten Idee bis zur fertigen Kopie zehren kann, nenne ich also einmal in Ermangelung eines besseren Wortes die "Seele" eines Films, seinen Traum von sich selbst... (Was aber nicht heißen soll, daß ein Film am Ende so aussehen muß wie sein erstes Traumbild, im Gegenteil, die Kraft seines "Traums" besteht gerade darin, den Film all seine Begegnungen mit der Realität und ihren jeweils neuen Konditionen unbeschadet bestehen zu lassen und dabei für alle Veränderungen, Seitensprünge und Kopfstände offenzuhalten.)

Was war der Traum von "Bis ans Ende der Welt", was hat ihn über zwölf Jahre am Leben erhalten? Was war das "Urbild"? Die Liebesgeschichte, der Science-fiction-Film, das Roadmovie? Oder die Kombination aller dieser Genres und Motive? Mir scheint, daß dahinter von Anfang an noch etwas anderes stand, was die Kraft hatte, all diese disparaten Elemente zu verbinden, ein ihnen allen übergeordnetes und gemeinsames Thema.

Ich erinnere mich, daß meinem ersten Notizbuch zu dem Film ein Motto bevorstand von Roland Barthes aus "Fragmente einer Sprache der Liebe": "Bild: Auf dem Felde der Liebe erwachsen die schwersten Wunden mehr aus dem, was man sieht, als aus dem, was man weiß." So geheimnisvoll dieser Satz auch mir damals im ersten Moment vorkam, so genau spürte ich doch gleich, wie verwandt er unserem zu jener Zeit noch im Projektstadium stehenden Film war, indem er "Liebe", "Bilder" und "Sehen" in einen Zusammenhang brachte.

Können denn "Bilder" oder kann "Sehen" das Thema eines Films oder einer Liebesgeschichte sein? Wäre das nicht eine Art Pleonasmus, ein "Film über das Sehen"? Oder könnte ein Sciencefiction-Film darüber Neues herausfinden, sozusagen die Augen öffnen?

Solveig auf Reisen