Von John Albert Jansen

Sieben Jahre lang, von 1965 bis 1972, arbeitete Derek Walcott, der Dichter aus der Karibik, an seinem eindrucksvollen epischen Gedicht "Another Life", das aus vier Teilen besteht, 150 Seiten zählt und so beginnt: "Verandas, where the pages of the sea / are a book left open by an absent master / in the middle of another life - / I begin here again, / begin until this ocean’s / a shut book, and, like a bulb / the white moon’s a filaments wane,"

Aber der Mond ist keine Glühbirne, und der Ozean ist für einen Dichter wie Walcott – eine Art Melange aus Homer, Jack London und einem "roter Nigger, der lieben das Meer" – eine unerschöpfliche Quelle der Bilder und Vergleiche geblieben und kann natürlich nie zum geschlossenen Buch werden (nur Heimatdichter dichten alle Lücken zu). Es ist damit so ähnlich wie mit dem Feuer, das in der Nacht vom 19. Juni 1948 vier Fünftel der viktorianischen Fassade von Castries verschlang, der Hauptstadt von Santa Lucia, einer der kleinen Inseln im Karibischen Archipel, auf der Derek Walcott 1930 geboren wurde – eine Erfahrung, die zwar traumatisch, zugleich aber auch befreiend für den Achtzehnjährigen gewesen sein muß: "The whole sky caught. The sick sea heaved like petrol. / The past hissed in a ander. / They heard the Century breaking in half."

Im selben Jahr erschien in Port of Spain (Trinidad) Walcotts erster Gedichtband "25 Poems", und der junge Dichter zog, um einer soliden kolonialen Ausbildung teilhaftig zu werden, nach Jamaika, auf die Universität von Westindien. Vier Jahrzehnte später erschienen beim renommierten New Yorker Verlag Farrar, Strauss and Giroux seine "Collected Poems 1948-1984", die Walcotts Ruf festigten, nicht nur ein Dichter der Karibik ("Wo die Sonne, ermüdet vom Kaiserreich, untergeht") zu sein, sondern auch und vor allem ein illustrer Vertreter jenes nur noch als sprachliches Phänomen existierenden britischen Empires.

Seine meisterhafte Beherrschung der englischen Sprache hindert Walcotts lyrisches Ich nicht daran, immer wieder zu seinen Ursprüngen, dem kreolischen Dialekt, und irdischeren Angelegenheiten zurückzukehren. Als ich ihm zum ersten Mal begegnete – es war während des Poetry-International Festival in Rotterdam – las er aus seinem vorletzten Gedichtband "The Arcansas Testament". In einem der Schlüsselgedichte dieses Bandes – dem erotisch-wehmütig gestimmten "The light of the world" – läßt sich Walcott vom "späten" Bob Marley und von einer örtlichen Schönheit inspirieren: "Marley rockte gerade im Bus-Stereo / und die Schönheit summte gelassen die Chöre mit."

Wer ist dieser Autor, der in seiner Jugend auf Santa Lucia als Maler begann? Können die Worte, die er einer seiner Figuren in den Mund gelegt hat, als Selbstportrait gelten? "Ein roter Nigger, der lieben das Meer, / Bin ich, mit echt kolonialem Diplom; / Hab Holländisch, Nigger und Englisch in mir, / Bin entweder niemand oder eine Nation." Über diesen Satz hat Joseph Brodsky in seinem Essay "Das Klingen der Gezeiten" geschrieben: "Die Würde und die erstaunliche Stimmkraft dieser Aussage verhalten sich genau proportional zu der Region, in deren Namen er spricht, und der ozeanischen Unendlichkeit, die sie umgibt." Vor allem aber erweist er sich – mit seinem Marley – in jenem karibischen Schmelztiegel der Rassen und Kulturen als Gewährsmann und Schutzpatron jenes in den vergangenen kolonialen Jahrhunderten fabrizierten Monsters, das er – ebenfalls in "Another Life" – als "a prodigy of the wrong age and colour" bezeichnet.

Ein Wunderkind der verkehrten Zeit und der verkehrten Farbe – diese Worte fielen mir auch ein, als ich ihn auf dem Podest stehen sah. Eine distinguierte, selbstsichere Erscheinung, die nicht nur in geographischer Hinsicht (zur Zeit wohnt Walcott im"white Anglo-Saxon Protestant Boston) weit entfernt scheint von Trinidad – wo der Dichter zwanzig Jahre lang gelebt hat – und vom karibischen Volk, das er im "Licht der Welt" besingt: "Verlassenwerden / war etwas, woran sie sich gewöhnt hatten / Und ich hatte sie verlassen, ich wußte das dort, im Bus sitzend, in der meeresstillen Dämmerung (...) ich, der ich meinen Schatten nie kräftig genug machen konnte / um einer ihrer Schatten zu sein, hatte sie ihrer Erde / überlassen, ihren weißen-Rum-Streitereien und ihren Kohlensäcken, / ihrem Haß auf die Korporals, auf jede Obrigkeit."