Bonn, im September

Die Stimmung ist schon länger schlecht in der christlich-demokratischen Union. Unzufriedenheit und Unruhe in der Partei des Bundeskanzlers waren im Frühjahr, nach der Serie von Niederlagen im Westen, der Grund für Helmut Kohl gewesen, einen "Kleinen Parteitag" nach Weimar einzuberufen. Die Partei sollte Dampf ablassen – sie tat es in Maßen –, und obendrein sollte eine "Weimarer Erklärung" den Eindruck vermitteln, nunmehr sei die CDU endgültig auf dem Weg der Besserung.

In Erinnerung blieben kleine Szenen: Wolfgang Schäuble, wie er sich angriffslustig mit der SPD beschäftigt, Helmut Kohl, wie er, mal direkt, mal indirekt, die Kritiker abkanzelt, und – ganz am Rande, fast unbemerkt – Kurt Biedenkopf, wie er einmal verfrüht Spontaneität zeigt.

Das war so: In der Debatte hatte sich in den Reihen der Delegation von Mecklenburg-Vorpommern die junge Frau Angela Merkel zu Wort gemeldet, Bundesministerin für Frauen und Jugend. Gleich zu Beginn ihres Beitrags forderte sie eine gründliche personelle Erneuerung der Partei im Osten – wie sie dann auch in die Weimarer Erklärung aufgenommen wurde. Damit sprach sie gewiß vielen aus der Seele, nicht zuletzt dem sächsischen Ministerpräsidenten Biedenkopf. Und dieser, er saß auf dem Podium, links hinter Kohl, klatschte sogleich Beifall. Als einziger. Die Herren aus der Ost-CDU, de Maizière, Reichenbach, Gies, Duchac und Gomolka, rührten keine Hand. Auch der Parteivorsitzende aus dem Westen muß dies für unangebracht gehalten haben und folglich auch der Generalsekretär, ebenso Günther Krause, Kohls Autobahnminister aus dem Osten, und alle übrigen im Saal, die vielleicht ein bißchen überrascht von diesem Thema waren. Verdutzt und etwas verlegen, wie ein Chorknabe nach einem falschen Einsatz, brach Biedenkopf sein Beifallsolo ab. Hinterher gratulierte er der Rednerin. Klaus Reichenbach, Biedenkopfs Landesvorsitzender in Sachsen und Prototyp der personellen Altlast, wie sie Frau Merkel entsorgt sehen wollte, beschwerte sich bei ihr: Das sei sein Todesurteil gewesen, sagte er.

Zwei Welten in der CDU. Der Streit, der jetzt, am 31. August, zum Eklat im Parteivorstand führte, kam insofern nicht überraschend. Dennoch war die Union auf dieses Spätsommertheater nicht vorbereitet. Dem Vorsitzenden verdarb es den Start in die innenpolitische Herbstsaison, und es sieht nicht danach aus, als könne er dieses Thema bald abhaken.

Das Drama hat begonnen. Jeder hat darin seine Rolle, mancher allerdings spielt mehr als die anderen. Lothar de Maizière ist der Mann, der seine Rolle am schlechtesten spielt und zugleich am intensivsten lebt. Er war 1990 der erste und einzige frei gewählte Ministerpräsident des Abbruchstaates DDR. Deutet man seine jüngsten Auftritte auf der Bonner Bühne psychologisch, so dauert seine Identifikation mit dieser kurzen historischen Funktion an. De Maizière als Anwalt der Ex-DDR: der Sprecher der lebenslang und nun abermals Gedemütigten. Das ist nicht die Wirklichkeit. Aber Lothar de Maizière, der erste stellvertretende Vorsitzende der CDU und Parteichef von Brandenburg, scheint andere Wahrnehmungen auszublenden. Mit den Kräften sichtlich am Ende, tritt er auf wie der Beladenste aller Beladenen. Dem Bild des "weinerlichen Ossis", das zynische Wessis zeichnen, kommt er am nächsten.

Seine Erklärung in der CDU-Vorstandssitzung vom letzten Augusttag, die zunächst im Rücktritt von allen Parteiämtern gipfelte, folgte diesem Muster: Ihr und Wir! Wir in der Ex-DDR – ihr in der BRD. Ihr da oben – wir da unten.