Noch mehr aber erregte Kohl natürlich der Vorwurf de Maizières, die Bonner CDU habe sich 26 Millionen aus der Ostkasse gleichsam unter den Nagel gerissen. Das war starker Tobak, und beim "Bimbes" (pfälzisch für Geld) hört für Kohl der Spaß auf. Dieser Vorwurf ist gefährlich, zumal eine Geschichte über Bereicherung des Westens am Osten im ostdeutschen Klima des Mißtrauens leicht Glauben findet. Außerdem macht das Geldmotiv aus dem Erneuerungskonflikt im Osten erst recht eine Art Kolonialkonflikt zwischen West- und Ost-CDU. Noch wichtiger, als daß de Maiziere den Rücktritt zurücknahm, war Kohl denn auch die Zurücknahme der 26-Millionen-Begründung. Das dauerte zwar etwas länger als de Maizieres Widerruf des Rücktritts. Am Dienstag aber, vier Tage nach dem Eklat, war er soweit: Mit den 26 Millionen sei alles in Ordnung, versicherte de Maiziere. Nun spätestens wäre es Zeit gewesen, doch noch abzutreten. Doch vorerst fand sich offenbar keiner, der ihm das nahegelegt hätte. Warum reagiert der Kanzler auf all diese Merkwürdigkeiten so nervös? Im Westen vergißt man leicht, was der Kanzler ganz genau weiß: Der Osten ist heute die letzte Bastion der Union. Dort hat Kohl schon die strategische Mehrheit in der Bundestagswahl geholt, die ihn politisch trotz aller Landtagsniederlagen so krisenfest sein läßt: Gegen die CDU/CSU gibt es im Bundestag rechnerisch keine Kanzlermehrheit, es sei denn unter Einschluß der PDS.

Über das Problem der Jungen im Osten hat der Generalsekretär ihn informiert. Auch Kohl alarmieren die Briefe ausgetretener Mitglieder und anderer, die – frustriert vom Regiment der "Blockis" in den Ortsvereinen und Kreisverbänden – ihren Austritt ankündigen. Es sei Zeit für ein öffentliches Signal aus Bonn, das die Jungen ermutigt, war Rühes Ansicht, und der Parteichef gab grünes Licht. Wie oft in solchen Fällen erschrak Kohl dann über das heftige Echo. Er nannte die Debatte "ärgerlich" und sah auf einmal übergroß die Gefahr, daß nun die alteingespielten Parteileute im Osten die Brocken hinschmeißen könnten. Diese Drohungen unterschätzt einer wie Kohl nicht. Schließlich war der Apparat der alten Partei im Bundestagswahlkampf 1990, auch wenn das strengen Vorstellungen von Fairneß und Edelmut widersprechen mag, ein großer Vorteil gegenüber der ziemlich desorganisierten Jungpartei SPD.

So bemüht sich Kohl, demonstrativ zu differenzieren. Nicht alle, die lange in der Partei sind, seien Leute von gestern und Vertreter des alten Denkens. Das behaupten freilich auch die Reformer nicht. Auch der durchaus robuste Arnold Vaatz will die Altmitglieder der Partei nach ihrem indivduellen Lebensweg beurteilen, nicht so sehr nach dem Datum ihres Parteieintritts. Angela Merkel: "Wir brauchen die reformwilligen Alten zur Durchsetzung der Veränderungen." Die Überzahl der Alten wiegt jedoch im Streitfall allemal schwerer als das moralische Gewicht der Neuen.

Helmut Kohl ist Realpolitiker. Er kalkuliert: Moral macht nicht fett, nur die Mehrheit macht stark. Zu streng sollte man also nicht sein. So warnte er gleich nach dem Krach mit de Maiziere öffentlich vor pauschalen Diffamierungen der Altmitglieder. Da seien viele, sagte Kohl, aus ehrenwerten Motiven schon zur Zeit Jakob Kaisers in die Partei gekommen, also bis 1947, damals, als er als Pennäler in der Pfalz gerade seine Parteilaufbahn begann. Auch diejenigen, die bis zum Mauerbau der Blockpartei beigetreten waren, erwähnte er, um dann weit zu der Gruppe derer zu springen, die nach der Wende eingetreten sind.

Was aber ist mit denen, die dazwischen kamen, in den 28 Jahren zwischen dem 13. August 1961 und dem 9. November 1989? Klaus Reichenbach beispielsweise kam 1969 in die CDU, mit 24 Jahren, heute ist er im Bundestag. "Ich vermute, das sind die meisten", sagt Rainer Eppelmann. Sind nicht vor allem sie das Problem? Ist das die Generation, aus der die "Blockis" kommen? Man erkennt sie am Wortschatz, sagt Vaatz. Manchmal auch am Aussehen, ergänzt Merkel.

Um die Ost-Union als Machtbasis in Deutschland zu erhalten, versucht Helmut Kohl den Spagat zwischen den alten und den neuen Kräften. Dieser Akt ist noch schwieriger als der zwischen Reformern und Machtverwaltern im Westen, wo er ihn dann auch gar nicht erst versucht. Riskant ist das Verfahren allemal. Bleiben, so wie im Westen, neue Wählerschichten fern, hat die Partei keine Zukunft. Springen die Älteren und Alten ab, diejenigen, die den Apparat kennen und zu bedienen wissen, dann gefährdet das zumindest kurzfristig – auch 1994 – die operative Basis der Partei im Osten.

Im Jahr der Einheit gewann Kohls CDU die politische Mehrheit nicht zuletzt dadurch, daß sie – nach anfänglichem Zögern – in der DDR auch auf die alten Kräfte setzte. In historischen Situationen ist man nicht zimperlich. Jetzt steht die Volkspartei im Osten vor den Problemen, die das Volk drüben insgesamt hat: der Spagat als Preis für die Mehrheit.