Von Ernst-Michael Brandt

Vielleicht ist Bonn – nach Paris – die schönste Stadt, um morgens in Bäckereien oder Bistros heißen Kaffee zu frischen Croissants zu schlürfen. Ich verstehe jetzt die Politiker; aus diesem Städtchen würde ich auch nicht weg wollen. Zwar hat es nicht viel mit deutschen, schon gar nicht mit den gesamtdeutschen Realitäten zu tun, aber es ist sehr hübsch. Es hat Club-Atmosphäre. Ich verstehe auch die Bonner; so viele Geschäfte mit Rita-Süssmuth-Kleidern und -Kostümen hätten in keiner anderen Stadt eine Chance, und die Restaurantpreise wären in Berlin unverschämt. Am Charme Bonns ändert das nichts.

Am Wochenende wimmelt die Stadt von Touristen (where is the Beethovenhouse?), sie verbreiten das Flair eines Wallfahrtsorts in Sachen Nostalgie (it was a nice capital, wasn’t it!). Während der Woche dann ist der Charakter fast südländisch. Die Geschäftsleute stellen ihre Angebote in die Fußgängerzone und mildern so den aufgeputzten Eindruck ihrer Schaufensterauslagen, Lieferfahrzeuge kurven zwischen Straßencafes, Blumen- und Obstständen, und die meisten Passanten verbreiten den Eindruck unendlicher Gelassenheit. Nur auf dem Rhein toben übermotorisierte Freizeitboote den Fluß auf und ab, selbst die Lastkähne fahren mit erstaunlichen Geschwindigkeiten. "Hast du schon mal auf der Moldau Schiffe so langrasen sehen?" fragt die Frau neben mir. In solchen Augenblicken der Verwunderung schwingt leise Leipziger Satzintonation in ihrer Stimme; die verführt mich, sie zärtlich anzusehen.

Hundert Meter neben dem "Domicil", einem der schönsten Hotels Deutschlands (es ist in fünf Altstadthäuser eingebaut), schauen ein paar Männer verschämt und intensiv in ein Schaufenster. Einer hat sich mit Latzjeans und Müsli-Locken ausstaffiert, ein anderer trägt zur Bomberjacke die Memoiren irgendeines Stuka-Piloten in der Hand, der dritte hat eine bekannte Hamburger Wochenzeitung unter den Arm geklemmt: Hier gibt es US-Navy-Überlebensausrüstungen, NVA-Sturmgepäck, Uniform-Aufnäher vom Stasi-Regiment Feliks Dzierzynski und russische Offiziersregenumhänge ("bestes Material, für Hobby-Angler gut geeignet") zu kaufen.

Über dem Rhein liegt Morgendunst, eine Asiatin im schweinchenrosa Frottee-Overall joggt in Trippelschrittchen durch den Park am deutschen Eck, und der Schiffer von der Köln-Düsseldorfer-Schiffahrtslinie hißt hingebungsvoll am Landesteg die Deutschlandfahne. Er erinnert an Gert Fröbe in "Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten", nur daß der noch gegen den Spott der Franzosen ankämpfen mußte, denen sowieso nichts heilig ist. So viel Schwarzrotgold wie an diesem Fluß habe ich zuvor nur an den Tagen nach dem Mauerfall gesehen, als scharenweise bierselige Kleinbürger durch die Grenzorte zogen.

Hier hängen an jeder Anlegestelle wenigstens zwei Bundesfahnen. Wenn ich die auf den Burgen, Hotels, Klippen, Denkmälern und Campingplätzen dazurechne, sind es mehr Flaggen als an DDR-Feiertagen wehten. Der Rheingau ist eben eine deutsche, eine überaus deutsche Landschaft. Nicht erst an der Loreley, spätestens hier in Koblenz wird das augenfällig. "Deutsches Eck" heißt die Landzunge, an der Rhein und Mosel zusammenfließen. Über Jahre mußte man sie Nacht für Nacht in einem der beiden (West-)Fernsehprogramme über sich ergehen lassen (wehende Mostrichfahne auf kahlem und geschwärztem Denkmalssockel zu den Klängen des Lieds der Deutschen), ehe endlich die erwartete Vorschau über die (Ost-)Bildschirme lief. Gott sei Dank gab ursprünglich der Deutschritterorden dem Eck den Namen. Der war zwar auch nicht gerade harmlos, doch es liegt dessen Geschichte wenigstens weit hinter realem Erinnerungsvermögen zurück. Nicht so die Symbolismen des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der fünfziger Jahre: Die haben die Halbinsel an der confluentes, dem Zusammenfluß, zum "Mahnmal der Deutschen Einheit" erhoben.

Das andere Gesicht von Koblenz ist dann doch eher römisch-rheinisch und bereitet vorwiegend Vergnügen. Im Weindorf – vier Public-Relations-Fachwerkhäuser aus den Mittzwanzigern an einem Weinberg – herrscht täglich jene Volksfeststimmung, die Generationen, soziale Schichten und Geschmäcker mitunter für kurze Zeit miteinander versöhnt. Hier muß man nicht unbedingt demonstrativ den Wein kauen, schmatzen, schnalzen und das Gaumensegel umspülen, sondern kann einfach feststellen, daß der Rhein- oder Moselwein schmeckt oder guttut. Sollte man allerdings eine der 100-Mark-Deinhard-Flaschen bestellen, ist man dies vielleicht seinem schlechten Gewissen schuldig. Für die Koblenzer, für deren Unbekümmertheit, vielleicht aber auch ihren geschäftlichen Instinkt, spricht, daß nach den schweren Zerstörungen von 1944 die Häuser des Weindorfs zu den ersten Bauten gehörten, die wiedererrichtet wurden.