Von Thomas Schmid

Wenn im nächsten Jahr der gemeinsame (west-)europäische Markt aus der Taufe gehoben wird, dann mag es der Festgemeinde ganz gut in den Kram passen, daß man das Ereignis mit einer bedeutungsschweren historischen Tiefendimension versehen kann: Just 500 Jahre zuvor landete Kolumbus in Amerika und eröffnete damit Europas Expansion in die ganze Welt. An erhabenen, selbstgefälligen Reden wird es dabei nicht mangeln, und daher besteht aller Anlaß, dieser Europa-Euphorie in die Parade zu fahren. Es muß, mit anderen Worten, von der dunklen Seite der alten europäischen Neugier auf die Welt, es muß vom Imperialismus die Rede sein.

Nur wie? Die Eroberung der Neuen Welt hatte den größten uns bekannten Genozid der Menschheitsgeschichte zur Folge. Es ist verständlich, daß angesichts dieser monströsen Wirklichkeit jede umsichtige Suche nach den Gründen spitzfindig, wenn nicht gar als moralisch gleichgültig erscheinen konnte. Eben das aber hat die geläufige Imperialismuskritik meist getan: Selbst da noch, wo sie dem Ökonomismus huldigt, unterzieht sie sich selten der Mühe, das schreckliche Geschehen anders als in moralische Begriffen zu fassen, und so bleibt es bei der simplen, von der Tautologie nicht weit entfernten Aussage, schuld seien ein rücksichtsloses Gewinnstreben und eine brutale Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal aller Nichteuropäer. Der Eurozentrismus wird mit dem Eurozentrismus erklärt.

Der Amerikaner Alfred W. Crosby, Professor für American Studies an der University of Texas in Austin, hat ein Buch geschrieben, das ein guter Anlaß wäre, die Diskussion über den Imperialismus erneut zu eröffnen. Crosby hält den Siegeszug des weißen Mannes für erklärungsbedürftig, und er greift in seiner Untersuchung weit in die Geschichte der Erde zurück. Vor Jahren hat Tzvetan Todorov in seiner glänzenden, viel zuwenig beachteten Studie "Die Entdeckung Amerikas. Das Problem des Anderen" gezeigt, daß es nicht in erster Linie die waffentechnische Überlegenheit der Europäer gewesen war, die ihren Sieg ermöglichte; nicht ihr Unverständnis gegenüber dem Fremden, sondern paradoxerweise ihr einfühlendes Verständnis des Fremden habe sie überlegen gemacht. Anders als die indianischen Ureinwohner waren die Europäer neugierig, intellektuell wendig und an kultureller Mehrsprachigkeit interessiert. Todorov spricht von "todbringendem Verstehen" und kommt zu dem Schluß, "daß sich die westliche Zivilisation dank ihrer Überlegenheit im Bereich der menschlichen Kommunikation durchgesetzt hat; aber auch, daß sich diese Überlegenheit auf Kosten der Kommunikation mit der Welt offenbart hat."

Die Störung beziehungsweise Komplizierung dieser Kommunikation durch das einzige Wesen, das gezielt in die Umwelt eingreift, durch den Menschen also, steht am Ausgangspunkt von Alfred Crosbys Untersuchung. Der Untertitel ("Ökologischer Imperialismus 900-1900") weist die Richtung – und führt zugleich in die Irre. Denn es könnte scheinen, als ginge es dem Autor nur um die Erweiterung des bisher geläufigen Begriffs von Imperialismus um eine neue Dimension, eben die ökologische; also um die Eingriffe in nichteuropäische Ökosysteme, um den Export europäischer Viren und Krankheitserreger und um frühe Formen der "bakteriologischen Kriegsführung". Darum geht es Crosby auch, doch er holt sehr viel weiter aus; er beschreibt eine große Schuld der westlichen Gesellschaften, hinter der sich ein der Zivilisation inhärentes Problem verbirgt: Jeder Versuch, die geschlossene Gesellschaft zu verlassen, bedeutet Grenzüberschreitung und hat einen Wettbewerb nicht nur zwischen Gesellschaften, sondern auch zwischen verschiedenen tierischen und pflanzlichen Ökosystemen zur Folge, bei dem die beweglichen Gesellschaften stets im Vorteil sind gegenüber den eher abgeschlossenen.

Crosby setzt bei der Frühgeschichte der Erde an und beschreibt den langen Entstehungsprozeß einer Ungleichzeitigkeit, deren zerstörerisches Potential sich seit etwa 500 Jahren entfaltet. Vor 80 Millionen Jahren begann der ursprünglich eine Kontinent der Erde, Pangäa genannt, wie ein gigantischer Eisberg in Stücke zu brechen. Die Erde, bisher eine geschlossene Wettbewerbsarena, entwickelte sich in ihren Teilen evolutionär auseinander, es entstanden allmählich unterschiedliche Ökosysteme, die den jeweiligen klimatischen Zonen angepaßt waren. Über einen riesigen Zeitraum hinweg dominierten in der Evolution fast ausschließlich die zentrifugalen Kräfte. Mit den ersten Hominiden trat jedoch ein Wesen auf, in dem ein gegenteiliges Vermögen, nämlich die Kraft zur zentripetalen Aktion, schlummerte. Allein der Mensch vermag es, im Eilverfahren, das heißt ohne lange genetische Veränderungsprozesse durchlaufen zu müssen, die klimatischen und ökologischen Zonen der Erde zu wechseln.

Während der geologische Prozeß die Fragmentierung der Welt gefördert hat, beginnt mit dem Auftreten des Menschen virtuell die neuerliche Vereinheitlichung der Welt, die Rekonstituierung von Pangäa – diesmal aber nicht in der gemächlichen Gangart der Evolution, sondern als menschliche Zivilisation. Und zuletzt vollzieht sich dieser Prozeß "im unkontrollierten, ständig beschleunigten, rasenden Tempo der technologischen Entwicklung". Als wanderndes Wesen ist der Mensch qua Existenz ein Eindringling; bei seinem grenzüberschreitenden Werk schließt er, ohne die unintended effects kennen zu können, die Ökosysteme kurz. Und er bringt dabei pflanzliche, bakterielle und tierische Umwelten miteinander in Kontakt, die sich sonst vielleicht nie begegnet, in jedem Fall aber in sehr viel langsameren evolutionären Schritten aufeinander zugegangen wären. In diesem Sinn ist der Mensch von Beginn an ein Imperialist; der ökologische und kulturelle Imperialismus ist ein Konstituens menschlicher Zivilisation.