Der stille Steuermann

Heribert Blaschke ist ein ungewöhnlicher Konzernchef: Seine wichtigsten Partner sind Arbeitnehmer und Gewerkschaft – aber auch der Fiskus

Von Hans Otto Eglau

Der Mann ist von kaum zu überbietender Freundlichkeit, wirkt eher weich als aus dem harten Holz, aus dem die "Macher" der Industrie angeblich sind. Heribert Blaschke ist Vorstandssprecher der Feldmühle Nobel AG (Börsenkürzel: "Feno"). Wahrscheinlich säße er schon längst nicht mehr an seinem Schreibtisch im Düsseldorfer Stadtteil Oberkassel, wäre er der knallharte, unbeugsame "Boß". Der 59jährige hatte in den vergangenen Jahren eine Aufgabe zu lösen, die viel taktisches Geschick und Anpassungsfähigkeit verlangte: den zum Opfer des ersten feindlichen Übernahmecoups erkorenen Feldmühle-Nobel-Konzern (Jahresumsatz 1990: 9,4 Milliarden Mark, 32 000 Beschäftigte) vor der Ausschlachtung zu bewahren.

Heribert Blaschke hat ein besonderes "Händchen" im Umgang mit dem Fiskus. Doch daß er deswegen zum Chef eines Milliarden-Unternehmens avancieren würde, hatte er nicht für möglich gehalten. "Ich hätte noch vor acht Jahren nicht geglaubt, daß ich einmal auf diesem Stuhl sitzen würde", gesteht er mit entwaffnender Offenheit.

Als der promovierte Jurist 1969 in den Flick-Konzern (aus dem Feldmühle Nobel hervorgegangen ist) eintrat, winkte ihm keine große Karriere. Er war nur ein Steuerfachmann, der als Vizechef des Finanzamtes Saarlouis und danach als erster Mann im benachbarten St. Ingbert seine Sporen verdient hatte. Dann ging der im saarländischen Wadgassen geborene Beamte zunächst ins Bonner Finanzministerium, wo er sich als Hilfsreferent mit Körperschafts- und Gewerbesteuerfragen beschäftigte. Nach einem kurzen Gastspiel als Berater der CDU/CSU-Fraktion wechselte er durch Vermittlung des damaligen CSU-Abgeordneten und Flick-Gesellschafters Wolfgang Pohle zum damals größten Industrie-Imperium in Familienbesitz – zunächst als Leiter der Steuerabteilung der Flick-Tochter Dynamit-Nobel, 1974 in gleicher Funktion in die Düsseldorfer Zentrale.

Seine Feuertaufe erlebte der ehemalige Finanzbeamte 1975, als der Flick-Konzern 29 Prozent von Daimler-Benz an die Deutsche Bank verkaufte. Es galt, den Erlös von zwei Milliarden Mark am Fiskus vorbei zu kassieren. Die Daimler-Aktien hatten in der Flick-Bilanz weit unter Wert zu Buch gestanden. Nach dem Einkommensteuer-Paragraphen 6b ließen sich nun die durch den Verkauf aufgedeckten stillen Reserven unversteuert auf andere unternehmerische Engagements übertragen, sofern diese vom Bundeswirtschaftsminister als volkswirtschaftlich besonders förderungswürdig anerkannt wurden. Blaschke nutzte seine alten Kontakte in Bonn, um für Flicks steuerfreie 6b-Geschäfte Stimmung zu machen. Dabei verhielt er sich so, daß beim späteren Flick-Parteispendenprozeß gegen seinen direkten Vorgesetzten Eberhard von Brauchitsch nicht der geringste Schatten eines Verdachts auf Heribert Blaschke fiel.

Längst war der stille Steuermann dem Konzerninhaber auch privat zu einem unentbehrlichen Ratgeber geworden: Friedrich Karl Flick imponierte, wie geschickt Blaschke mit seinen einstigen Kollegen aus der Finanzverwaltung verhandelte. Sein Erfolgsrezept bestand darin, daß er auf einen fairen Interessenausgleich bedacht war: "Ich habe nie etwas Unkeusches verlangt." Dank partieller Zugeständnisse hatte der Fachmann bei schwierigen Ermessensentscheidungen des Fiskus wiederholt den Standpunkt seines Hauses weitgehend durchgesetzt. So war es keine Überraschung, daß Blaschke 1980 Generalvollmacht erhielt und schon ein Jahr später in die Geschäftsführung der Friedrich Flick Industrieverwaltung KGaA aufrückte.

Der stille Steuermann

Seine große Stunde schlug aber erst während der Parteispendenaffäre, als sich der in Bedrängnis geratene Flick Ende 1982 von seinem Jugendfreund von Brauchitsch trennte und auch die meisten anderen Mitglieder der obersten Führungsgarde – teils freiwillig, teils unfreiwillig – ausschieden. Von den zehn Managern, die neben "FKF" Anfang 1982 der Geschäftsführung angehört hatten, war Ende 1984 nur noch ein einziger im Amt: Heribert Blaschke.

Es war vor allem Blaschkes Einfluß zu verdanken, daß Flick im Frühjahr 1985 beschloß, den von seinem Vater aufgebauten Konzern zu verkaufen. Dem Steuerexperten kam die geradezu panische Angst seines Arbeitgebers zustatten, durch belastende Aussagen im bevorstehenden Flick-Parteispendenprozeß persönlich in die Affäre hineingezogen zu werden. Blaschke schockte zudem Friedrich Karl Flick mit der deprimierenden Perspektive, daß ihn die Last der ertragsunabhängigen Abgaben – neben der Vermögensteuer vor allem die für nicht gemeinnützige Stiftungen neu eingeführte, alle dreißig Jahre fällige Erbersatzsteuer (für Flick: 36 Prozent) – ohnehin zu einem Verkauf auf Raten zwingen werde. Dann sei es allemal ratsamer, sofort Kasse zu machen.

Blaschke war es dann auch, der die Totalübernahme des Flick-Konzerns durch die Deutsche Bank Anfang 1986 bis ins kleinste vorbereitete. Dafür durfte er, nachdem er die Flick-Beteiligungen an Daimler-Benz, an dem amerikanischen Unternehmen Grace und an Gerling für zusammen 5,2 Milliarden Mark versilbert hatte, den unter dem Namen Feldmühle Nobel an die Börse gebrachten industriellen Kernbereich als Vorstandssprecher leiten.

Schon bald merkte Blaschke, daß er bei Feldmühle Nobel auf einem äußerst ungemütlichen Stuhl Platz genommen hatte. Als erstes geriet er in einen heftigen Familienstreit zwischen dem ins Privatleben gewechselten "FKF" und seinen 1975 abgefundenen Neffen Gert Rudolf und Friedrich Christian Flick, die auf einen finanziellen Nachschlag aus dem Milliardenerlös drängten. Die Flick-Neffen gaben sich im Frühjahr 1989 als Wortführer einer Investorengruppe zu erkennen, die rund vierzig Prozent der Feno-Aktien auf sich vereinigte. Die Aufkäufer hatten sich daran gestoßen, daß Feldmühle Nobel gerade erst eine Begrenzung des Stimmrechts auf maximal fünf Prozent beschlossen hatte, um von vornherein eine "unfreundliche Übernahme" zu verhindern.

Auch die Veba, die das Feno-Paket im Mai 1989 übernahm und es durch Zukäufe auf 51 Prozent aufstockte, schluckte die Kröte. Immerhin winkte ihr die einmalige Chance, mit dem "Filetstück" des Konzerns – dem Papierhersteller Feldmühle AG – den Grundstein für einen vierten Unternehmensbereich neben Strom, Chemie und Öl zu legen. An den beiden anderen Feno-Firmen, der Dynamit Nobel AG in Troisdorf (Sprengmittel, Kunststoffe) und der Buderus AG in Wetzlar (Heizungstechnik und Edelstahl), waren die Veba-Manager dagegen weniger interessiert.

Feno-Chef Blaschke sah nicht nur den Konzern in seiner Einheit gefährdet, sondern auch seine Position. Denn in dem zu einem reinen Papierhersteller abgemagerten Unternehmen mußte die Führung automatisch auf den Vorstandschef der Feldmühle AG, Hartwig Geginat, zulaufen. Doch der damalige Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder hatte seine Macht überschätzt und den konzilianten Blaschke gehörig unterschätzt. Als der Baron den Konzern genauer unter die Lupe nehmen wollte, verweigerte ihm der Vorstandssprecher unter Berufung auf das Aktiengesetz alle Unterlagen, die ihm als Aufsichtratschef nicht von Amts wegen zustanden.

Ein wichtiger Pfeiler

Der stille Steuermann

Darum bemüht, mit seiner Feno nicht zum Objekt selbstherrlich agierender, auf eine Zerschlagung hinwirkender Großaktionäre zu werden, hatte sich der Defensivstratege Blaschke schon frühzeitig der Unterstützung der Arbeitnehmerfraktion im paritätisch besetzten Aufsichtsrat versichert. Vor allem mit dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Schultze, Vorstandsmitglied der IG Chemie-Papier-Keramik, stimmt sich Blaschke, dessen Vater in einem Stahlwerk vom einfachen Arbeiter zum Werksleiter aufgestiegen war, bis heute in allen wichtigen Fragen frühzeitig ab. Schon während dieser ersten "unfreundlichen Übernahme" bei einer namhaften deutschen Gesellschaft zeigte sich damit, daß die einst vielgeschmähte Mitbestimmung ein wichtiger Pfeiler im Abwehrbollwerk des Managements ist. Unisono mahnten denn auch Blaschke und Schultze bei ihrem Großaktionär selbstbewußt ein schlüssiges Feno-Konzept an.

Als Mehrheitsaktionär mit nur fünf Prozent Stimmanteil befand sich die Veba bei Feno in einer verzwickten Lage. Der verkannte Feno-Chef hatte den Beweis dafür geliefert, daß der Vorstand eines in seiner Unabhängigkeit bedrohten Unternehmens durchaus in der Lage ist, einem ungeliebten Großaktionär Steine in den Weg zu legen: Nach einer erfolgreichen Strukturbereinigung bei Dynamit Nobel und dem einstigen Sorgenkind Buderus konnte Heribert Blaschke schon 1990 ansehnliche Gewinnsteigerungen ausweisen. Die Folge: Der durch neuerliche Spekulationskäufe zusätzlich in die Höhe getriebene Feno-Kurs lief den Veba-Managern weg.

Als nach dem Tod von Bennigsen-Foerders im Oktober 1989 dessen Nachfolger Klaus Piltz den halbherzigen Übernahmeversuch kurzerhand abbrach und sein Aktienpaket im vorigen Jahr an den zum schwedischen Wallenberg-Imperium gehörenden Papierkonzern Stora Kopparbergs Bergslags AB weiterreichte, mußten die Skandinavier für die Majorität und die danach fast vollständig erworbenen restlichen Papiere bereits vier Milliarden Mark auf den Tisch legen – doppelt soviel wie der Börsenverkauf vier Jahre zuvor erbracht hatte.

Stora-Chef Bo Berggren, das war der Feno-Spitze klar, würde sein gewaltiges Finanzengagement durch einen Weiterverkauf der Konzernanteile außerhalb der Papierproduktion so bald wie möglich erträglicher zu machen versuchen. Aber wie schon gegenüber der Veba, so machte Blaschke auch den Schweden unmißverständlich klar, daß die "Rest-Feno" nicht zerschlagen werden dürfe. Am liebsten wäre es Blaschke gewesen, wenn Stora den um den Papierbereich "erleichterten" Konzern wieder an die Börse gebracht hätte.

Der "Steuerfuchs" entwickelte aber auch das Modell einer sogenannten Realteilung. Anders als bei einem Ausverkauf der zur Disposition stehenden Aktivitäten aus der Feno, bei dem durch die Aufdeckung stiller Reserven hohe Steuern auf die Buchgewinne fällig würden, wäre diese Form der Konzernaufspaltung steuerneutral. Da hierbei aber die Finanzbehörden mitspielen müssen, ließ der erfahrene Taktiker sein Konzept über die Arbeitnehmervertreter vorsichtig bei einflußreichen SPD-Landespolitikern ins Gespräch bringen.

Heißes Bietgefecht

Um der Sache einen regionalwirtschaftlichen Anstrich zu geben, beauftragte Blaschke im vorigen Jahr die Westdeutsche Landesbank, mit einem industriellen Partner einen Übernahmeplan auszuarbeiten. Im Falle einer Realteilung würde, wie Heribert Blaschke zudem wußte, jeder Erwerber die Auflage erfüllen müssen, den Konzern mindestens fünf Jahre lang nicht zu zerschlagen.

Der stille Steuermann

Nachdem die von der WestLB angesprochene Preussag ihr Desinteresse an einer Übernahme der Rest-Feno bekundet hatte, präsentierte die Bank in diesem Frühjahr die Düsseldorfer Rheinmetall-Gruppe als heißen Kaufinteressenten. Wiederum im Schulterschluß mit IG Chemie und Betriebsräten lehnte Blaschke jedoch den ins Spiel gebrachten Kandidaten ab. Begründung: Mit Rheinmetall würde wieder ein von einer Familie (dem Röchling-Clan) kontrollierter Konzern einziehen, der obendrein kleiner als Feno sei.

Insgeheim hatte der Feno-Chef selber eine Adresse im Visier, bei der er sein Haus besser aufgehoben fühlte: Die Metallgesellschaft AG. Das Frankfurter Traditionsunternehmen, das sich als Werkstoff-Konzern mit starken Aktivitäten in der Autozuliefer-Industrie versteht und mit Macht in die Chemie drängt, würde für Dynamit Nobel und Buderus ein zukunftsträchtiger Partner darstellen. Der Deutschen Bank, die im Auftrag der Stora ebenfalls nach einem Interessenten suchte, signalisierte er über vertraute Kanäle, wen er und seine Kollegen am liebsten hätten. Nach einem heißen Bietgefecht zwischen Rheinmetall und Metallgesellschaft erhielt Blaschkes Favorit Mitte Juni von den Schweden den Zuschlag.

Doch bitter für den siegreichen Taktiker: Statt auf den durch eine Anfechtungsklage von Aktionären leicht zu blockierenden Weg der Realteilung verständigten sich Käufer und Verkäufer auf den teureren, aber sicheren Weg. Danach wird Feno Dynamit Nobel, Buderus und die Sparte Technische Produkte der Feldmühle AG auf eine neue Gesellschaft (möglicher Name: Buderus-Nobel) übertragen, die dann zum Jahresende an die Metallgesellschaft verkauft werden soll.

Ob der trickreiche Feno-Chef seinen skelettierten Konzern auch unter dem vierten Großaktionär gegen mögliche weitergehende Teilungspläne verteidigen wird? Das ist eher unwahrscheinlich. Bei einem Treffen zwischen den zehn Arbeitnehmervertretern seines Aufsichtsrates und dem Vorstandsvorsitzenden der Metallgesellschaft, Heinz Schimmelbusch, im Düsseldorfer "Interconti" ließ Blaschke kürzlich erstmalig Rückzugsgedanken erkennen: "Irgendwann einmal muß man auch an sich selber denken."