Von Till Bastian

Die Zahl der Verkehrstoten in der alten Bundesrepublik hatte sich bei 8000 pro Jahr eingependelt: 1987 wurden 7967, 1988 8213, 1989 7995 und 1990 7909 Verunglückte amtlich erfaßt – ein routinemäßiges Blutopfer, das von der Mehrheit der Bevölkerung als bedauerlich, aber hinnehmbar erachtet wird.

Anzumerken ist erstens, daß die Zahl der Verkehrstoten in Wahrheit höher liegt, aber kaschiert wird, weil die amtliche Statistik nur den als Verkehrstoten zählt, der binnen Monatsfrist an den Folgen des Unfalls stirbt (eine Festlegung, die sich kaum mit der Praxis moderner Intensivmedizin verträgt); zweitens, daß nach dem Zusammenwachsen (oder -wuchern) von BRD und DDR zu einem Deutschland noch weitaus gefährlichere Zeiten drohen: Auf dem Gebiet der Ex-DDR ist die Zahl der Verkehrstoten von Januar bis Dezember 1990 um 75 Prozent auf 3130 gestiegen. Auf den Straßen in Deutschland sind 1990 mithin mehr als 11 000 Menschen getötet worden. Doch von öffentlichem Entsetzen kann keine Rede sein.

Welch sonderbare Rolle, fragt man sich da, spielen Motor und Automobil, Hubraum und PS, Geschwindigkeitsrausch und Mobilitätskult im Selbstverständnis der Deutschen?

Blicken wir ein halbes Jahrhundert zurück: 1938 war das letzte Jahr, in dem die Deutschen in ihrem "Dritten" Reich nach Herzenslust drauflosfahren konnten – am 1. September 1939 machte der Krieg dem ein Ende. Im Vorkriegsjahr aber wurde mit wahrem Furor teutonicus auf Landstraßen und auf den famosen neuen Reichsautobahnen einhergerast, so daß schon damals jährlich 8000 Verkehrstote zu beklagen waren. Die Zahl wirkt besonders erschreckend in Relation zum damaligen Pkw-Bestand; er betrug 1938 ganze 1,3 Millionen (BRD alt 1990: 30,1 Millionen).

Die Raserei schreckte damals sogar die Staatsführung: Man sei entschlossen, so Joseph Goebbels, "der leichtfertigen und verantwortungslosen Auffassung über die Verkehrsunfälle mit dem heutigen Tage den erbarmungslosen Kampf anzusagen". Er prangerte damit die Konsequenzen eines Prozesses an, den er selbst energisch forciert hatte. Denn die Nationalsozialisten waren fanatische Verfechter einer Motorisierung der gesamten Volksgemeinschaft. Der Motorsport wurde von ihnen gleichermaßen unterstützt wie ausgenutzt. Im selben Jahr 1938, in dem Goebbels "erbarmungslosen Kampf" ankündigte, fuhr der Rennfahrer Rudolf Caracciola mit 432,7 Stundenkilometern Weltrekord. Der Führer gratulierte. Es war die Zeit der großen Rennen auf Avus und Nürburgring, die Epoche der Mercedes-"Silberpfeile", der "Duelle" zwischen Daimler-Benz und Auto Union.

Als Bernd Rosemeyer im Januar 1938 bei dem Versuch, den Konkurrenten Caracciola zu übertrumpfen, tödlich verunglückte, kondolierte Hitler der Witwe telegraphisch: "Möge der Gedanke, daß er im Einsatz für deutsche Geltung fiel, Ihren tiefen Schmerz lindern." Staatstrauer für den jungen Helden, Halbmastbeflaggung im Reich – und eine zündende Führerrede auf der Berliner Automobilausstellung im Februar: