Von Susanne Brammerloh

Leningrad, September 1991. Es ist warm und sonnig. Goldener Herbst... Eine Stadt des Sieges. Unvergessen der Fernsehauftritt des Ersten Bürgermeisters Sobtschak, als er am Abend des 19. August zum Widerstand gegen die Putschisten, zur Verteidigung der ersten demokratisch gewählten Stadtregierung aufrief. Unvergessen das Menschenmeer auf dem Schloßplatz am 20. August. Immer wieder hörte ich: "No pasaran!" (Sie werden nicht durchkommen!), die berühmten Worte der "Pasionaria", der kommunistischen Abgeordneten Dolores Ibárruri, mit denen sie im Spanischen Bürgerkrieg zur Verteidigung Madrids gegen die Faschisten aufrief. Erstaunlich einmütig war Leningrad zum Gegenhalten entschlossen. Stolz mischte sich unter die Angst und die Trauer um die Demokratie Stolz auf den zähen, unbezwingbaren Widerstandsgeist von Petersburg, Petrograd, Leningrad.

Wieder hat sich die Kontinuität der Geschichte dieser Fünf-Millionen-Stadt an der Newa bestätigt. Vom Tag seiner Gründung an begleiten Petersburg apokalyptische Prophezeiungen von Sein oder Nichtsein. Ihm wurde die Verfluchung "Soll Petersburg zu einer Wüste werden!" in die Wiege gelegt. Die kaum dreihundertjährige Stadtgeschichte ist dramatisch und tragisch. Allein im 20. Jahrhundert liest sie sich wie ein einziger quälender Versuch, den alten Fluch in die Tat umzusetzen. In Revolution und Bürgerkrieg verlor Petrograd mehr als siebzig Prozent seiner Bevölkerung. Die stalinistischen Verfolgungen in den zwanziger und dreißiger Jahren waren nirgends schlimmer als hier, in der ehemaligen Hauptstadt mit ihrem ewig aufrührerischen Geist. Doch nichts reicht an die Tragödie der 900 Tage heran, der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht vom September 1941 bis zum Januar 1944.

September 1941. Es ist warm und sonnig. Goldener Herbst... Seit Kriegsbeginn am 22. Juni sind sieben Wochen vergangen. Doch die Leningrader bemerkten den Krieg nicht. Nun aber stehen alle Zeichen auf Sturm: Die Deutschen vor den Toren! Leningrad bereitet sich auf den Straßenkampf vor. Panzersperren und Schützengräben entstellen den ebenmäßigen Körper der Stadt. Die Dichterin Olga Bergholz schreibt:

Leningrad im September, Leningrad im September,

Goldenes Zwielicht, königliches Herbstlaub fällt.

Das Bersten erster Bomben, das Heulen der Sirenen,