AMann im schlecht beleuchteten Durchgang an der Rosenthaler Straße. Westenanzug, weiß mit schmalen schwarzen Streifen. Sonnenbrille. Dunkles Haar zum Nakkenschwanz gebunden.

Er feilt an seinen Fingernägeln. Wenn Leute vorbeikommen, spricht er sie halblaut an und deutet, das Jackett lüftend, auf seine Innentaschen. Ein Dealer? Ein Mafioso? Ostberliner Ehepaare beschleunigen den Schritt. Vor der Vorstellung des Varietes steht der Mann in einer dunklen Ecke des Saals, stumm und gefährlich.

Mitten zwischen den Leuten, die sich in den längst überfüllten Raum drängen, hantiert noch ein ungeschickter Handwerker, nagelt mit großem Hammer spät, laut und kopfüber am Podest herum, wobei sein Bein ein Besucherinnenknie abdrängt. Die Besitzerin lacht konsterniert. Dann nagelt er noch einen Hut an die Wand und bittet Besucher, ihn abzustützen.

Meine Freundin zupft mich besorgt am Ärmel: Da geht im abgewetzten braunen Anzug ein ältliches Phantom durch die Menge, eine Schulter steht höher als die andere, fettiges Haar fällt nach hinten, deppenhaftes Gesicht mit lauernden Augen. Bedrohlich. Was so für Leute rumlaufen, sagt meine Freundin.

Wir sind sehr erleichtert, als gleich darauf das Phantom, der Dealer und der Bretternagier als Baßgitarrist, Drummer und exzentrischer Jongleur zu Gestaltern einer Bühnenshow werden. Und am Ende des Abends sind wir schlechthin überwältigt, als sich die drei Männer als ganz normale nette Jungs erweisen, die in ihren zivilen Jeans schweigsam am Nebentisch ein Bier trinken, ohne Kiff und schiefe Schulter.

Das Variete "Chamäleon" gibt es seit dem 16. Februar in Berlin Mitte. Mitte im Osten. Es begreift sich als Spielort mit ausufernden Rändern — das Publikum spielt mit, der Ort, die Geschichte. Der Spaß fängt lange vor der Vorstellung an, und er hört mit ihr nicht auf, er kooperiert mit dem Lebensgefühl in diesem Kiez am Rand des Scheunenviertels im Schatten des Fernsehturms.

Das Variete spielt in den Hackeschen Höfen, einem Labyrinth aus grauen, hohen Mietshäusern, Durchgängen, Industriegebäuden. In der Sonne leuchten noch die glasierten Fassadensteine blausilber und geben dem hohen Innenhof eine Ahnung der Noblesse vergangener Industriearchitektur.