Von Doris Cebulka

Wie eine Schneelawine rollte die Nachricht über das Land, als der Präsident des Olympischen Komitees die Entscheidung vorlas: "The decision is Lillehammer." Fünf harte Jahre lagen hinter den Norwegern, in denen sie verbissen für diese vier Worte gekämpft hatten. Eine Eisenbahnlinie und Sprungschanzen waren gebaut, ein fast fünfzehn Meter hoher wetterfester Troll im Gudbrandstal errichtet und sogar die Premierministerin in die Arena geschickt worden.

Ehe noch die in Seoul ausgesprochenen Silben "Lil-le-ham-mer" verklungen waren, lagen sich die Bewohner des kleinen Bergdorfes in den Armen – ganz entgegen ihrer sonst eher verhaltenen Art. Die Nichtnorweger in aller Welt aber fingen an, die Atlanten zu wälzen auf der Suche nach der Stadt in der bisher wenig bekannten Region Oppland. Als kurze Zeit später die heutige norwegische Premierministerin Gro Harlem Brundtland aus Korea in ihre Heimat zurückkehrte, konnte sie ihre Landsleute mit der Neuigkeit beglückwünschen: "Lillehammer ist jetzt auf den Landkarten!"

Von der olympischen Vorfreude ist nach drei Jahren kaum noch etwas in Lillehammer zu spüren. "Wir sorgen uns um unsere Jugendlichen", sagt Anne Irene Saeternes, Leiterin des Olympischen Informationscenters, "Alkohol und Drogen kommen mit den vielen Fremden in unsere Stadt." Auch die Verkäuferin im "Tax free Souvenirladen" zuckt nur mit den Schultern bei der Frage nach dem großen Ereignis, das 1994 die Bilder aus Lillehammer in der ganzen Welt berühmt machen soll.

Georg Kamfjord, Manager der Lillehammer Olympic Development Association, schimpft über die Sturheit, mit der sich die Bewohner Norwegens gegen das "Projekt Olympiade" wehren. Für ihn ist es die große Chance. Mit dicken bunten Filzstiften skizziert er sein Heimatland auf eine Tafel, zeichnet ein Dreieck durch den südlichen Teil und weist darauf wie ein Vater auf seinen Erstgeborenen: "Das ist er ... der Troll Park!"

Die Eckpfeiler des Troll Parks seien Oslo, die Rosenstadt Moide und die ehemalige Mine R0ros, die auf der UN-Liste der denkmalgeschi tzten Städte steht. Der skizzierte Park umfaßt hauptsächlich die Regionen Oppland und Hedmark, in denen Hunderte von Seen und Flüssen und das höchste Gebirge Nordeuropas, das Jotunheimen, liegen. Das Dreieck verfügt über 24 000 Betten. Doch 1994 müssen allein im olympischen Bereich, der ungefähr ein Zwanzigstel des Troll Parks ausmacht, 40 000 Betten aufgestellt werden.

"Kultur", "Tradition" und "Natur" nennt Kamfjord seine Produkte, die er an den Gast bringen will, und überreicht eine überdimensionale Hochglanzbroschüre. Sie strotzt vor Farbqualität und schwulstigen Worten: "Nirgendwo anders ist der Himmel blauer, die Luft frischer, sind die Seen sauberer." Oder: "Troll Park, die Natur macht’s magisch, wir machen’s möglich." In Lillehammer jedoch, das zur Hauptstadt des Troll Parks gekürt wurde, ist von der Magie nichts zu spüren. Die lauert weiter westlich, im Herzen des Parks, in Bygdin, wo die Zeit brachliegt.