Von Robin Detje

Mit Litauen ist es ähnlich wie mit Transsylvanien: Der Eiserne Vorhang hat es einfach verschluckt. Daß man Litauen bis vor ein paar Monaten nicht kannte, läßt sich entschuldigen – mit höherer (und brutaler) Gewalt. Jetzt aber, insistiert eine kleine, mit bunten Postkartenbildern geschmückte Broschüre, muß man es einfach um so lieber mögen. Die Photos lassen eine eher eintönige nordische Landschaft ahnen, und der Autor ("Sincerely yours poet Sigitas GEDA from Vilnius") entschuldigt sich auch gleich dafür, daß es bei ihm zu Hause weder Dschungel noch Vulkane gibt.

Was sich liest wie ein launiger (und irgendwie mutwillig landsmannschaftlicher) Aufnahmeantrag an die Europäische Gemeinschaft, ist bloß die Selbstdarstellung des Litauischen Staatstheaters. Und das, teilt die Broschüre aller Fröhlichkeit zum Trotz schon auf der ersten Seite mit, befindet sich in Vilnius auf einem Grundstück, das aussieht wie eine Träne.

Die gute Laune und das Reklamelächeln sind angstgeboren. Immer wieder haben größere Staaten das kleine Litauen (das heute drei Millionen Einwohner zählt) geschluckt – warum sollte man der neuen Unabhängigkeit trauen? Könnte Rußland nicht morgen schon wieder sich selbst und seine Nachbarn mit großem Pathos ins Unglück stürzen? Auch Eimuntas Nekrosius teilt diese Angst, der Regisseur des Litauischen Staatstheaters. Seine Furcht vor Rußland als neuer Hegemonialmacht scheint größer zu sein als die vor schneller Verwestlichung und Amerikanisierung. Nur wenn Litauen schnell in einem neuen Wirtschaftsbündnis eine Existenzberechtigung findet, sagt Nekrosius, habe es eine Chance zu überleben.

Eimuntas Nekrosius, lesen wir, ist ein Weltstar (und ein Genie, wie Arthur Miller behauptet haben soll). Er ist das Pfund, mit dem das Litauische Staatstheater wuchert. Ein Abschnitt der Theaterbroschüre beschreibt den "Weg zur Anerkennung": "1984 entdeckte die Welt Nekrosius." Von da an, nach einem Gastspiel in Frankreich, wird er mit einigen seiner Inszenierungen auf verschiedenen internationalen Festivals herumgereicht – preisgekrönt, und vielleicht doch nicht ganz so weltberühmt, wie man in Vilnius glauben möchte. Nekrosius selbst wirbt nicht für sich. Er ist ein schwermütiger (und schwerer) Mann, der sich wenig bewegt und wenig redet. Nekrosius sitzt da (auch auf dem fröhlichen Festival "Welt in Basel") und brütet.

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1980 (fünf Jahre vor Gorbatschow) hat Nekrosius "Quadrat" inszeniert, seine eigene Dramatisierung einer Novelle von V. Jelisejewa. Das Quadrat ist die Zelle von Häftling 372: ein dreistöckiges Eisenbett ohne Matratzen, eingekreist von vier mit Lautsprechern bewaffneten Holzmasten; an einem ein Wasserhahn, aus dem sich manchmal ein paar Tropfen heraussaugen lassen. Eine automatische Kamera (ein motorisierter, ferngesteuerter Scheinwerfer) beobachtet jeden Schritt des Sträflings, eine Klingel schlägt bei jedem Fehltritt Alarm und weckt den mürrischen Soldaten auf dem Wachturm.