Von Theo Sommer

Verfällt die Sowjetunion in Anarchie und Stammesfehden? Bisher hat die Autokratie – erst die der Zaren, dann jene der Kommunisten – das Vielvölkerreich zusammengehalten. Jetzt, wo der verklammernde Druck aus der Zentrale schwindet, lassen verschiedene Nationalitäten, ethnische Minderheiten und Stammesgruppen ihrem Ehrgeiz freien Lauf.

Mit einer unbedachten Äußerung gossen Boris Jelzin und sein Sprecher Voschtschanow vorige Woche Öl ins Feuer. Für den Fall, daß benachbarte Republiken völlig aus der Sowjetunion ausscheiden wollten, so drohten sie, behalte sich Rußland Gebietsansprüche vor. Das galt der Ukraine mit ihren 21 Prozent Russen, zumal dem Donbas-Kohlerevier und der Krim, aber auch Kasachstan (41 Prozent Russen), jedenfalls dem nördlichen Gebietsstreifen. "Wenn diese Republiken sich loslösen, müssen wir für die Russen dort sorgen", erklärte Voschtschanow, "Rußland wird schwerlich zustimmen, daß diese Gebiete einfach weggegeben werden."

Die Aufregung war in Kiew so groß wie in Alma-Ata. Finster redete der kasachische Präsident Nasarbajew von "Kriegen zwischen den Republiken". Hals über Kopf mußte Jelzin Unterhändler entsenden, um die Wogen zu glätten. Am vorigen Donnerstag wurde ein vorläufiger russisch-ukrainischer Unionsvertrag unterzeichnet, am Freitag ein russisch-kasachisches Abkommen.

Damit ist das Gespenst ethnischer Konflikte nicht gebannt. Die Sowjetunion ist ein Flickenteppich von Völkern und Völkchen. Die meisten sind von der Zentrale jahrzehntelang übel kujoniert worden und suchen nun Entschädigung. In der Stalinzeit wurden obendrein die Grenzen höchst willkürlich gezogen; jetzt verlanget eine Reihe von autonomen Gebieten die Beseitigung des alten Unrechts. Die Deportation politischer Gegner, Zwangsumsiedlung ganzer Völkerschaften – so der Wolgadeutschen und der Krimtataren – und die Neulandkampagnen unter Chruschtschow und Breschnjew haben die historisch gewachsene "Gemengelage" noch zusätzlich kompliziert. Allenthalben erhebt sich jetzt der Ruf nach Revision.

Das Geographische Institut der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften schätzt, daß von den 23 Binnengrenzen in der bisherigen Sowjetunion nur ganze drei unumstritten sind: die litauisch-lettische Grenze, die weißrussisch-lettische und die weißrussisch-russische. Hingegen gelten 76 Grenzen als umstritten.

Litauen erhebt Ansprüche auf Teile Weißrußlands und auf die Exklave Kaliningrad (früher Königsberg). Weißrußland wünscht sich die 1940 an Litauen abgetretene Region zurück. Moldawien, das den Anschluß an Rumänien erstrebt, möchte Teile der Ukraine entnehmen. Armenien verlangt die in Aserbeidschan gelegene Exklave Nagornyi-Karabach. Die in Georgien lebenden Osseten wollen sich mit den Osseten in Rußland vereinigen; die ebenfalls in Georgien lebenden Abchasen suchen Unabhängigkeit oder Anschluß an Rußland. Die Tadschiken fordern ihre historischen Zentren Samarkand und Buchara – heute Usbekistan – zurück; Usbeken und Turkmenen streiten um Wasser- und Bodennutzungsrechte entlang ihrer gemeinsamen Grenze.