Der Sündenbock heißt: Öffentlichkeit. Angesichts der Art und Weise, wie die Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Politikwissenschaft in Bonn "unter anderem auch in der Öffentlichkeit und in den Medien" behandelt worden sei, lasse sich nicht erwarten, daß sich nach Eignung, Befähigung und fachlicher Leistung geeignetere Bewerber finden würden, wenn noch einmal eine Neuausschreibung stattfinden würde. Sie gedenke, den Lehrstuhl mit Professor Karl Kaiser (Köln) zu besetzen.

Mit diesem Brief reagierte die Düsseldorfer Wissenschaftsministerin Anke Brunn (SPD) auf die Bitte der zuständigen Fakultät, nach dem langen Hickhack um den Lehrstuhl des emeritierten Professors Hans-Adolf Jacobsen die Erlaubnis für eine Neuausschreibung zu erteilen. Zur Streitsache war auch an dieser Stelle berichtet worden, dazu kein weiteres Wort. Aber warum sollte ausgerechnet eine Diskussion in den Medien abträglich sein? In der Regel gibt es nicht genug Öffentlichkeit bei solchen Verfahren, so daß die Interessenten sich ihre Kandidaten einigermaßen unbeachtet aushandeln, ausmauscheln oder ausproportionieren können.

"Eine politische Entscheidung muß nicht das sein, was sie zu sein scheint. Und das kann geradezu Teil ihrer Definition sein." Zu diesem Resümee kommt Wolfgang Leininger, Professor, für Wirtschaftstheorie an der Universität Dortmund, am Ende einer wissenschaftlichen Untersuchung über den Entscheidungsprozeß des Bundestages vom 20. Juni, der in der Abstimmung über Berlin oder Bonn als Hauptstadt mündete.

Das Pro-Berlin-Votum, versucht Leininger auf aufwendige, trockene und auch recht logische Weise zu belegen, dürfte in erheblichem Maße "Ergebnis des angewandten Abstimmungsverfahrens" gewesen sein und "weniger ein Ergebnis der individuellen Präferenzen der Abgeordneten". Er fügt hinzu: "Wären dieselben individuellen Willensbekundungen der Abgeordneten auf andere als der vom Ältestenrat des Bundestages festgelegte Weise zu einem Gesamtvotum ,aggregiert‘ worden, so hätte das Ergebnis auch Pro-Bonn oder Pro-Teilung (Geißler-Vorschlag) heißen können." Aber zugegeben, das ist Vergangenheitsbetrachtung und Wissenschaft, nicht Politik.

Interessant bleibt die Untersuchung im Blick auf die Frage, was "kollektive Entscheidungen" überhaupt ausdrücken und sind. Da landet man dann tatsächlich bei Leiningers Resümee. Ein schöner Lehrsatz für alle, die meinen, mit einer Entscheidung sei klar, was die Mehrheit will, und obendrein sei damit alles entschieden.

Ursprünglich war die Idee im Kanzleramt geboren und auch gezielt gestreut worden: Wenn die Wahl eines Nachfolgers für Richard von Weizsäcker anstehe, sei aus Kohls Sicht nicht automatisch Johannes Rau der einzige akzeptable SPD-Kandidat, sondern – warum denn nicht? – auch Hans-Jochen Vogel. Auch Manfred Stolpes Name wurde genannt. Nun hat sich der SPD-Vorsitzende Björn Engholm bemüht, eine Debatte darüber von vornherein zu unterbinden. Rau habe einen legitimen Anspruch als Nachfolger, soll er gesagt haben, aufgrund seiner Lebenserfahrung und seiner hohen persönlichen und politischen Qualitäten. Stolpe komme nicht in Frage, er baue ein neues Land auf, und man müsse froh sein, Politiker mit einem Ansehen wie ihn zu haben. Bei denen, die jetzt Rau promovieren oder festklopfen möchten als einzigen Kandidaten, spielen offenbar Überlegungen eine Rolle, sich nicht auseinanderdividieren zu lassen. Dabei wird es auch darauf ankommen, wie die drei, Rau, Vogel und Stolpe, sich in dieser Frage verhalten. Stilvoller wäre es vielleicht wirklich, eine solche Debatte so früh nicht zu führen, aber blauäugig ist ein solcher Wunsch eben auch. Die Nachricht, daß Kohl gnädig auf Vogel blickt, ist nun einmal in der Welt.

Gunter Hofmann