Schade, meint Barbara Frischmuth, daß die deutschsprachige Literatur ohne einen Unsinns-Stifter, Unsinns-Schnitzler auskommen müsse. Dabei scheine erst im poetischen Unsinn durch, was Dichtung vor allem auszeichne: das Traumhaft-Assoziative und der Genuß. Dem Zusammenhang von Traum und Literatur wird unterhaltsam-essayistisch nachgespürt. Von den Poetik-Vorlesungen zeitgenössischer Autorinnen und Autoren ist "Traum der Literatur" eine der gedanklich reichsten und sprachlich schönsten.

Die Erzählungen ganz unterschiedlicher Träumer wie Hildegard von Bingens, Murasaki Shikibus, Fritz von Herzmanovsky-Orlandos oder Wolf von Niebelschütz’ bilden Barbara Frischmuths Lieblingslektüre. Die Romantiker, die den Traum als reine Poesie verstanden, schätzt sie besonders, und das Jean-Paul-Zitat "Die Erde ist ein Traum voll Träume" könnte wie ein Motto über ihrem Erzählwerk stehen. In ihrem Buch "Die Mystifikation der Sophie Silber" erleben Zauberwesen aus E.T.A. Hoffmanns "Klein Zaches" eine Wiedergeburt.

Barbara Frischmuth sieht neuere wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Träume durch und stimmt Elisabeth Lenk zu, die Traumelemente nicht lediglich auf ihre Deutung hin befragt, sondern den Traum als Ausdrucksakt sui generis versteht. Gemeinsam seien Traum und Literatur Rätselhaftigkeit, Bildverzerrungen, harte Schnitte, Wortverdichtungen, Zeitstürze und Personenzersplitterungen. Die spielerischen Wortverdichtungen bei Lewis Carroll, Arno Schmidt und James Joyce faszinieren sie. Angeregt durch Konrad Bayers "Bräutigall & Anonymphe", hat sie selbst den humorvoll-unsinnigen Wortverdichtungstext "Turf Turkey" geschrieben, der sich im Anhang findet.

Die Weltliteratur ist durchsetzt mit Anspielungen auf die menschheitlichen Traumprojektionen von den "Langexistierenden". Der Begriff der "Langexistierenden" steht bei Frischmuth für Feen, Heroen, Göttinnen und Götter aus Sagen und Mythen. Wer ihre Demeter-Trilogie ("Herrin der Tiere", "Über die Verhältnisse", "Einander Kind") gelesen hat, findet jetzt den antiken Mythos von der Großen Mutter eingängig entfaltet, wie er dort – inspiriert auch durch Hermann Broch – fortgeschrieben worden ist. Daran schließen Frauenphantasien über den "weiblichen Traum" an. Das sei "der Traum von der selbstverständlichen Anwesenheit" der Frau "in der Literatur, nicht nur als Beschreibende, sondern auch als Schreibende". Die Autorin hält nichts von essentialistisch-zeitlosen Definitionen des Femininen. "Das Weibliche", meint sie, sei "für diesen Augenblick das, was ich, eine schreibende Menschin, mir darunter vorstelle". Zur Illustration ihrer These wird von der brasilianischen Schriftstellerin Ciarice Lespector berichtet. An deren Erzählungen bewundert sie die enge Verflechtung von Denken und Sinnlichkeit, mystischem Erkennen und trivialer Haushaltstätigkeit.

In einem zitierten Traumtagebuch aus den sechziger Jahren schildert die Autorin, wie sie "Robert Musil mit geschlossenen Augen im Lehnstuhl" sitzen sieht. "Wenn er die Lider hebt, brennt es darunter grün und lodert." "Er will aufwachen", heißt es weiter, "und ich soll ihm dabei helfen." Barbara Frischmuth ist eine wache und weckende Träumerin, eine österreichische Scheherezade, die von sich sagen kann: "Ich erzähle, also bin ich."

Michael Lützeler

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