In seinem Essay-Band "Gedicht und Gespräch" beschreibt Hans-Georg Gadamer das Gedicht als einen Versuch, in konzentrierter und verknappter Weise die Welt zu verstehen. Das Gedicht zeichne ein Bild des Raumes, in dem die Menschen aneinander vorbeisprechen, in dem sie durch die Liebe aufeinander aufmerksam werden oder durch den Tod auf ihre eigene Endlichkeit und Hinfälligkeit zurückgeworfen sind. Das Gedicht: die Rede von den letzten Dingen.

Zunächst erzählt Gadamer von seinen frühen Erfahrungen mit der Dichtung Hölderlins. Er berichtet von dem starken Eindruck, den die späten Verse bei ihrer Erstveröffentlichung im Jahre 1916 auf den damals Sechzehnjährigen machten. Dabei wird beiläufig klar, daß Gadamer selbst an vielen Ereignissen und Debatten direkten Anteil genommen hat, die die meisten seiner Leser nur aus zweiter Hand kennen. Dieser Umstand macht verständlich, daß manche seiner Auffassungen nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Da ist zum Beispiel Gadamers große Bewunderung für Stefan George: "Georges dichterischer Ton hat eine eigentümliche Erweckungskraft." Oder: "Das magische Wort ist ... ein Wort, das verwandelt, ... das im Hören ergreift wie die Beschwörung von Geistern." Man kann, anders als Gadamer, den überzogenen Anspruch Georges einer sich im Gedicht offenbarenden Weltvision als ausgezeichneten Beweis für die unmittelbare Nähe des Erhabenen und Lächerlichen betrachten. Aber auch derjenige, der Georges Auffassung von den Möglichkeiten und Aufgaben des Dichters für verstiegen und überspannt hält, kann Gadamers Erläuterungen mit Gewinn lesen. Seine Erzählungen geben ein anschauliches Bild von den Vorstellungen und Ideen, in deren Zusammenhang das Werk Georges entstand.

Bei seinen textnahen Erläuterungen verzichtet Gadamer auf schweres terminologisches Geschütz. Die Interpretationen haben nicht den Ehrgeiz, die behandelten Texte durch kryptische Wortbildungen zu überbieten. Sie vermitteln mit Beschränkung auf Wesentliches die Einsichten eines aufmerksamen und wachen Lesers.

Der Sinn des Gedichts ist die Bewegung zwischen den unterschiedlichen Bedeutungen. Der Leser nimmt nicht eine deutlich formulierte Botschaft auf, sondern läßt sich darauf ein, Fragen zu stellen, der Bewegung des Textes zu folgen. Ein Gedicht zu lesen heißt, mit dem Text ein Gespräch zu führen.

Für die Verweigerung des einheitlichen Sinns gibt es aus Gadamers Sicht eine Begründung. Die Dichtung versucht, die Welt zu erklären. Gleichzeitig haben, heute aber Mythos und Heilsgeschichte, die ehemals stabile Weltdeutungen ermöglichten, ihre Kraft verloren. Was bleibt, ist das lyrische Stammeln, der Versuch, Erfahrungen auszudrücken, die nicht durch religiöse und philosophische Gewißheiten gedeckt sind.

Das Lesen solcher Texte will gekonnt sein. Gadamer kann es fast zu gut. Hinter den Polysemien und Brüchen der Gedichte erspäht der Philosoph immer noch eine Einheit des Sinns: "Die Frage nach der Einheit des Sinnes bleibt als eine letzte Sinnfrage gestellt und erfährt im Gedicht ihre Antwort."

In seiner Interpretation des Celan-Gedichts "Tenebrae" konstatiert Gadamer die Ambiguität von Blasphemie und Frömmigkeit, die diesen mit Partikeln der religiösen Rede arbeitenden Text auszeichnet. Sarkasmus und Dissonanz sind unverkennbar; die Formeln des Gebets werden auf den Kopf gestellt: "Bete Herr, / bete zu uns, / wir sind nah." Aus dem Bewußtsein der Gottesnähe, das die religiöse Sprache im Gebet zu Gott sucht oder ausdrückt, wird durch die Inversion eine Gotteslästerung. Gadamer zeigt diese Spannung. Er hält sie aber nicht durch. Am Ende stellt er den Text in unmittelbare Nähe zur christlichen Überlieferung. Damit wird die Ambiguität beinahe getilgt.