Der SS-Held Otto Skorzeny wollte den Deutschen wieder Ehre und Treue beibringen.

Er war im "Atlantic" abgestiegen, einem der repräsentativsten Hotels von Hamburg: ein Reisender namens Skorzeny, nicht mehr in Wien, sondern in Spanien wohnhaft. Er reiste in Geschäften, ein höflicher, noch immer junger Mann. Aber wo er auftaucht, da flüstert es hinter ihm: "Der Mussolini-Befreier! Scharmant, scharmant ..." Da saß er also im "Atlantic" und führte Gespräche. Über Import und Export von Waren? So abgeschmackt zivilistisch war Otto Skorzeny nicht. Er sprach von Soldatentum und wiederherzustellender Ehre, er sang die "Treu-um-Treue"-Weis’, ließ sich über geplante soldatische Organisationen aus und, durch die eigene Rede hingerissen, verwies er auch auf Otto Ernst Remer: Er sei ein netter Kerl, es gehe halt nicht ohne ihn; wie schade, daß er so vorgeprescht sei und so weiter und so weiter.

Am Tische saß ein Fallschirmjäger a. D., der heimlich dem und jenem ins Ohr sagte, Skorzeny sei da, der "Mussolini-Befreier" ... Der Arme! Er wußte offenbar nicht, daß seine Fallschirmjäger-Kameraden, die damals den Flug zum Gran Sasso mitgemacht haben, längst klargestellt haben, welche Rolle Skorzeny dabei gespielt hat. Er war gar nicht Führer dieses Unternehmens, er war eine Art von politischem Kommissar. Während die Fallschirmjäger diese Gefahr auf sich nahmen, wie sie schon viele Gefahren auf sich genommen hatten, war Skorzeny von der politischen Führung, nicht von der militärischen, dazu ausersehen, dabeizusein. Weil es ein SS-Mann sein sollte, dem der Ruhm gebühre – falls das Abenteuer glücke –, ein SS-Held und kein Soldat wie andre. So gesehen ist der "Mussolini-Befreier" Skorzeny eine Erfindung von Hitler und Goebbels, so wie der "wackere General" Remer eine Erfindung von Hitler und Goebbels ist.

Höchst bedenklich ist dies: Kaum sind die ehemaligen Soldaten bemüht, Organisationsformen zu suchen, die – wenn Gemeinschaften solcher Art denn sein müssen – hoffentlich vernünftig sind, da melden sich die Militäremigranten zu Wort, tauchen als Reisende in Organisationssachen wieder bei uns auf, wiederholen alte Sprüche, die im "Dritten Reich" erklangen, fahren jenen Kräften ins Konzept, die es vorzogen, nach Kriegsende nicht ins Ausland zu verschwinden, und dampfen fröhlich wieder ab. Morgenluft-Witterer!

Jan Molitor