Ich will wahrhaftig nichts als arbeiten – jetzt haben wir ja Platz genug", schrieb der Österreicher Friedrich Schreyvogl im Mai 1938 an seinen NS-Gesinnungsgenossen und Schriftstellerkollegen Hermann Heinz Ortner.

Schreyvogl, der es sich im Laufe von etwas mehr als einem Jahrzehnt in drei politischen Systemen einrichten konnte – bedarfsweise als Obmann des katholischen Schriftstellerverbands in der Ersten Republik oder als illegaler Nazi in den frühen dreißiger Jahren und schließlich als "antinazistischer Widerstandskämpfer" gegen Kriegsende –, ist ein Fallbeispiel in der literarhistorischen Studie "Zäsuren ohne Folgen" des Salzburger Germanisten Karl Müller mit dem Untertitel: "Das lange Leben der literarischen Antimoderne Österreichs seit den 30er Jahren".

Den "Platz zum Arbeiten", den Schreyvogl nach dem "Anschluß" Österreichs freudig begrüßte, den hatte sich die "ostmärkische Dichterzunft" schon vor 1938 geschaffen: in kulturellen Tarnorganisationen der NSDAP wie dem "Bund deutscher Schriftsteller Österreichs" und durch Denunziationen jüdischer und antinazistischer Autoren bei den zuständigen Stellen im "Altreich". Nach dem "Anschluß" gab es dann nicht nur ausreichend Arbeitsplätze, auch die Gagen schnellten in die Höhe. So brachte es der 1931 der NSDAP beigetretene Mirko Jelusich mit seinen nach 1945 wiederaufgelegten historischen Romanen zum Bestsellerautor und Großverdiener in der NS-Zeit.

Und er war nicht der einzige: Auch Karl-Heinrich Waggerl, dem prominentesten Fallbeispiel in der vorliegenden Studie, wurde sein 1938 publiziertes "Anschlußbekenntnis" – "Nun hat Adolf Hitler für uns alle gehandelt. (...) Müssen wir nicht alle hinter ihm stehen?" – mit Preisen, Förderungen und Neuauflagen gedankt.

Und genau hier müßte die Rezeption von Karl Müllers verdienstvoller Studie ansetzen: am Überdauern einer die zeitgenössische Literatur Österreichs bis heute prägenden Tradition – der auch als "Provinzliteratur" geläufigen Antimoderne. Es war weniger das opportunistische Geschick der "belasteten" Autoren, das sie die Registrierungsverfahren und Sperrlisten im Rahmen der Entnazifizierung überstehen ließ, als vielmehr das handfeste (kultur-)politische Interesse an einer traditionellen und idyllisierenden Literatur beim Wiederaufbau Österreichs, das aus Dichtergrößen des Austrofaschismus, die sich zwischenzeitlich der "Blut-und-Boden"-Doktrin angedient hatten, urplötzlich "austriakische Kulturexperten" werden ließ.

Zu den beeindruckendsten Passagen in Karl Müllers Studie zählen jene, in denen der Autor den "latenten bis offenen Kulturkampf" im Nachkriegsösterreich schildert, als sich antinazistische Konservative – gewollt oder ungewollt – zum Schulterschluß mit "Ehemaligen" zusammenfanden, um der Antimoderne aufs neue zum Triumph zu verhelfen.

Ein Klima, in dem es sich die vertriebenen und oft nicht mehr zurückgekehrten Dichter bereits 1948 sagen lassen mußten, daß sie es ohnehin besser gehabt hätten, als die "geistig Schaffenden, die während der schlimmen Jahre zwischen 1938 und 1945 in Österreich und Deutschland gelebt und ihre Werke gefestigt haben". (So die österreichische Zeitschrift Berichte und Informationen.)