Winter 1919 – ein Leben in Mailand: Das ist die Fortsetzung des Krieges mit phantasievolleren Mitteln. Die Heimkehrer hatten von eleganten Frauen geträumt und bekommen nicht einmal Käse auf die Spaghetti. Noch gibt es keinen Zucker, dafür aber viele Ideen und Neuigkeiten: Futuristen und Komponisten, Kommunisten und Faschisten, Polizei und Wasserwerfer – und vor allem die Geschwindigkeit, die neureiche Beherrscherin der Großstadt.

Als Massimo Bontempelli im Jahr 1920 den Roman "Das geschäftige Leben" schrieb, war er schon weit genug vom Geschwindigkeits-Fimmel seiner futuristischen Vergangenheit entfernt, aber noch nicht nahe genug am "magischen Realismus" seiner faschistischen Zukunft. Also konnte er noch versponnen fabulieren, durfte Geister und schöne Mädchen sehen – und die Ideale des neuen italischen Menschentypus mit einer so zarten Spottschicht überziehen, daß diese mit einem glänzenden Anstrich verwechselt wurde.

Wie in Döblins Berlin steht in Bontempellis Mailand ein armer Teufel auf der Straße und nimmt sich vor, ein solides Leben zu beginnen und dabei halbwegs anständig zu bleiben. In früheren, langsameren Zeiten ist er Literat gewesen, jetzt will er Geschäftsmann werden. Mailand ist ein Sündenpfuhl von Foxtrott-Tänzerinnen und Spekulanten; aber der Held umgeht die Laster augenzwinkernd, hält Zwiesprache mit seinem "persönlichen Daimon", der ihn immer wieder auf den rechten Weg führt. Er versucht es in der Werbebranche, ist "ins rechtschaffene Leben verstrickt und der Tugend erlegen", doch der geschäftliche Segen bleibt aus. Später verliert sich der traurige Streber in Phantasien von der Errichtung einer Prachtstraße, "ganz aus Wolkenkratzern". Hinter dem Tresen der glitzernden Kaffeehäuser zelebrieren befrackte Kellner das Leben wie an Altären moderner Kathedralen. Das Unglück kommt in Gestalt des Glücks daher: Der Mann verliebt sich in die Schwester eines Erfinders; in dessen Laboratorium erfährt er die Fürchterlichkeit der "totalen Stille, die Überwindung von Zeit und Raum".

Noch einmal versucht es der Glücklose mit Dienereien in Vorzimmern und soll von einem Minister empfangen werden. Am Morgen dieses Tages ist die Mailänder Kälte jedoch noch lähmender als sonst, und der Schlaf des Gerechten ist tiefer. Endlich hat der Daimon Erfolg, und sein Schützling wird ein Taugenichts.

Diese romantische Subversion dauerte bei Massimo Bontempelli nicht mehr lange. 1926 gründete er die Zeitschrift Novecento; die gab sich zunächst sehr kosmopolitisch, war ganz auf französisch abgefaßt und (laut Sachverständigen) voller Grammatikfehler. Joyce, Soupault und Ehrenburg zählten zu ihren Unterstützern. Mit Pirandello verband Bontempelli eine zähe Freundschaft und der anfängliche Glaube an die faschistische Sache.

Den Nachruhm verdankt Bontempelli seiner fleißigen Kulturarbeit; als Autor war er "eher intelligent als genial", ein flinker Erzähler von Wunderlichkeiten, ein "zahmer E. A. Poe". Seine Mailänder Odyssee sieht aus wie das Skelett eines Romans über einen Mann mit wenig Eigenschaften. Doch "Das geschäftige Leben" ist nach allen Regeln der Geometrie und der Ironie konstruiert: Die neun Kapitel sind aufgerastert in je sechs Abschnitte; knapp wie expressionistische Minutenromane – vierundfünfzig Einzelbilder vom Hamster in seinem Laufrad. Franz Haas

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