Von Maria Huber

Moskau, im September

Wie aus einem Agenten-Film erschien der Hinweis, den das Moskauer ZEIT- Büro Mitte Juni auf den operativen und überzeugtesten Führer des Putsches vom 19. August erhielt. Ein besorgter Moskauer brachte eine Ausgabe der erzkonservativen Sowjetskaja Rossija, die er an diesem Morgen in seinem Briefkasten gefunden hatte. Was den Empfänger verstörte: Das Exemplar datierte vom 22. September 1989. Auf der Titelseite prangte ein Photo von KGB-Chef Wladimir Krjutschkow, der damals gerade ins Politbüro aufgerückt war. Zwei Tage nach dieser ominösen Postsendung, am 17. Juni 1991, probte Ministerpräsident Pawlow, unterstützt von Krjutschkow, Verteidigungsminister Jasow und Innenminister Pugo, den ersten Aufstand im Parlament.

Inzwischen steht fest, daß Wladimir Krjutschkow nicht nur das KGB als Speerspitze des Umsturzes einzusetzen versuchte, sondern auch der eigentliche Überzeugungstäter unter den Putschisten war. Er hat sein Welt- und Feindbild auf dem Weg vom jungen Botschaftssekretär in Budapest während des Ungarn-Aufstands 1956 bis zum Chef der Auslandsspionage entwickelt. Es ist von Glasnost und Perestrojka nie erschüttert worden.

Walentin Stepankow, der Staatsanwalt Rußlands, der die gerichtlichen Untersuchungen leitet, auf unsere Frage nach seinem Eindruck von Krjutschkow: "Er ist ein unglaublich akkurater Mann. Wir fanden in seinem penibel aufgeräumten Büro eine Kartei, die er über zwanzig Jahre selbst führte. In diesem Archiv gab es keine Informationen über Menschen, sondern nur über Machtverhältnisse in der Welt, über Politik, Wirtschaft und Verteidigungsfragen aller Länder."

Doch die Fortschreibung des alten Weltbildes gegen das bröckelnde Imperium half auch Krjutschkow nicht mehr. Das Schwert des KGB verfing sich im Widerstand des eigenen Apparates. Zwar hatte Krjutschkow das vergangene Woche von Gorbatschow aufgelöste Kollegium des KGB (die Stellvertreter und Abteilungsleiter) weitgehend hinter sich. Der Chef des Sicherheitsdienstes Jurij Plechsnow, der 1987 auf Anordnung Gorbatschows den zusammengebrochenen Jelzin aus dem Krankenhaus vor den politischen Schauprozeß der Moskauer Stadtpartei schleppen ließ, gehörte jetzt zur Viererbande, die Gorbatschow in seiner Ferienresidenz das Ultimatum präsentierte. Die KGB-Organisation von Sewastopol schnitt den Gefangenen auf der Krim von der Außenwelt ab. In Moskau blockierte der Geheimdienst zunächst Jelzins Regierungs- und internationale Linien im Weißen Haus. Vom KGB stammten die Verhaftungslisten. Die "Anti-Terror"-Einheit Alpha sollte am 19. August bis 18 Uhr die Menschen vor Jelzins Weißem Haus "hinwegfegen", die ersten beiden Stockwerke mit Bazookas und panzerbrechenden Waffen zusammenschießen und die russische Führung gefangennehmen.

Doch Alpha verweigerte Montagnacht den Gehorsam, was entscheidend zum Mißerfolg des Putsches beitrug. Zuvor hatten bereits Signale aus der Lubjanka an das Weiße Haus gezeigt, daß der Riß zwischen den Rächern der alten Garde und den Reformern längst auch das KGB-Hauptquartier durchzog. Sergej Stepaschin, Sicherheitschef des russischen Parlaments: "KGB-Leute informierten uns von dort aus ständig – über die Anordnung, Jelzin festzunehmen, über die Verhaftungslisten." Pensionierte oder ausgeschiedene KGB-Männer halfen im Weißen Haus: Sie sorgten dafür, daß die russische Führung über ein spezielles Kommunikationsnetz zunächst rund 600 Teilnehmer erreichen konnte, vor allem aus der Militärindustrie und den Sonderdiensten. Sie organisierten Druckmaschinen, Waffendepots, zuverlässige Verstecke für die Dokumente der russischen Regierung. Einige Geschäftsleute, ebenfalls frühere KG Bier, schleppten zur finanziellen Unterstützung eine Million Rubel Bargeld ins Weiße Haus. Jelzins Dienst arbeitete besser, weil er klare Ziele hatte.