Alles neu in der Politik, nur daß einige Atomraketen (und nicht nur aus dem Osten) weiterhin auf deutsche Lande zielen – und ein paar neue kommen gerade hinzu

Vor gut zehn Jahren, 1980, notierte Christa Wolf in ihr Tagebuch die folgenden Sätze, die sie später im Zusammenhang mit ihrer Erzählung "Kassandra" veröffentlichte: "Was die anonymen nuklearen Planungsstäbe mit uns vorhaben, ist unsäglich; die Sprache, die sie erreichen würde, scheint es nicht zu geben." Gemeint waren: Planungsstäbe in West und Ost.

Soll man sich noch aufregen? Aktuelle Neuigkeiten von der Horrorfront, drei an der Zahl. Nur eine dieser Nachrichten machte, im Zusammenhang mit dem Moskauer Putsch, ein wenig Schlagzeilen – die Frage nämlich: Wo war während jener Tage der Koffer mit dem Code für den Atomschlag? In den Händen der Putschisten, so wurde hinterher bekannt. Schnell beruhigte uns der neue sowjetische Verteidigungsminister Jewgenij Schaposchnikow, die Gefahr eines unkontrollierten Einsatzes der Atomwaffen sei schon zu Beginn des Putsches beseitigt worden. Was überhaupt aus den 27 000 atomaren Sprengköpfen (andere Quellen nennen bis zu 30 000) wird, die heute in der Sowjetunion lagern, weiß er auch schon: Ein neues sowjetisches Berufsheer, das geplant sei, werde "so früh wie möglich" die Kontrolle über die Atomwaffen erhalten.

Freilich wird – zweite Nachricht – die seit bald einem Jahr ein wenig größere Bundesrepublik nicht allein von östlichen Raketen bedroht. Nein, da gibt es noch ein paar amerikanische Interkontinentalraketen, einige Hundert an der Zahl, die weiterhin auf jene Landstriche gerichtet sind, die einmal die DDR waren. Eigentlich sollte die Zielcodierung spätestens bis zum 3. Oktober vergangenen Jahres geändert worden sein. Hat wohl nicht geklappt. Und da man, so hören wir, bei dem großen Verbündeten nur einmal im Jahr, gegen den Herbst hin, die Computerprogramme auf den neuesten Stand zu bringen pflegt, wird es noch ein wenig dauern, bis auch in den neuen Bundesländern keine Furcht vor Irrläufen aus einem US-Raketensilo mehr umgehen muß.

In diesem Monat nun endlich – die (wirklich) letzte Nachricht – wollen auch die Franzosen das Ihre tun, damit wir Deutschen uns dem Leben mit der Bombe nicht ganz entwöhnen. Hadès heißt ihre neue Atomwaffe – zunächst vierzig dieser Raketen mit einer Reichweite von 480 Kilometern werden dieser Tage in Elsaß-Lothringen an der deutschen Grenze aufgefahren. 480 Kilometer? Das ist sogar einem Politiker, Alfred Dregger, aufgefallen: Die neuen Raketen haben damit eine Reichweite "bis Würzburg und Prag". Na und? Es handelt sich bei Hadès offiziell um ein Artilleriegeschoß – lediglich mit der Sprengwirkung einer oder mehrerer Hiroshima-Bomben.

In den fünfziger Jahren hat der Wiener Schriftsteller und Philosoph Günther Anders die Neigung zum Wegschauen und Nichtwahrhabenwollen unsere "Apokalypseblindheit" genannt und in seinem Buch "Die Antiquiertheit des Menschen" unsere Unfähigkeit beklagt, die Dimension dessen, was wir herzustellen vermögen, noch erfassen zu können. "Zerbomben können wir zwar Hunderttausende, sie aber beweinen oder bereuen nicht."

Immer wieder waren es die Schriftsteller, die nicht lockergelassen haben: In den fünfziger Jahren neben Anders etwa wortgewaltig Hans Henny Jahnn; in den achtziger Jahren schrieben, redeten und resignierten unter anderem Peter Härtling, Wolfgang Hildesheimer, Ulrich Horstmann, Günter Kunert und Christa Wolf.

"Laßt euch nicht von den Eignen täuschen", heißt es in der 1983 veröffentlichten Erzählung "Kassandra". "Ich glaube, daß es ein schieres Wunder ist, daß in den letzten vierzig Jahren keines dieser Eier losgegangen ist", zitierte dieser Tage die New York Times nicht etwa einen überängstlichen Künstler, sondern den ehemaligen CIA-Direktor Colby. Die Nuklearwaffenkontrolle sei ein "so furchtbares Problem", daß es dafür keine wirkliche Lösung gebe und man sich "keinen Augenblick entspannen kann". Keine Lösung? Da wüßten wir schon eine: Entsorgen! Oder etwas anders gesagt: Haut weg den Schrott! Volker Hage