Von Manfred Sack

Ein Unglück, ausgerechnet ein Verkehrsunglück brachte ihn um – einen, der zwar gern etwas gewagt, aber immer durchdacht gewagt hatte; dem es gelungen war, seinem seit vielen Jahren schon maroden Herzen ein Schnippchen zu schlagen, trotzig, unter den Ermahnungen seiner Nächsten. Immer schien es zu glücken. Noch vor sieben oder acht Wochen (als er auf Bitten der Airbus-Manager überlegen sollte, wo und wie ein möglichst weit sichtbarer Firmenschriftzug an einem der Gebäude anzubringen wäre) antwortete er auf die Frage nach seinem Befinden abwinkend mit "Ja", es gehe schon, man habe genug anderes im Kopf. Die Airbus-Leute müssen nun ohne ihn zurechtkommen: ohne Otl Aicher.

Der 1922 als Sohn eines Handwerkers in Ulm geborene Aicher wollte eigentlich Bildhauer werden – und wurde einer der einflußreichsten und bedeutendsten, wahrscheinlich sogar der berühmteste, ganz gewiß aber der vielseitigste Graphiker, den man sich denken kann. Dabei ist es beinahe komisch, ihn einen Graphiker zu nennen; denn er war es doch gewesen, der für seinen neu formulierten Beruf die neue, damals weidlich bespöttelte Bezeichnung "Visuelle Kommunikation" eingeführt hat.

Es geschah in den Jahren zwischen 1951 und 1968 an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, dieser an der kurzen Dauer ihrer Existenz ebenso wie an Ruf und Legende und an weltweiter Wirkung dem Bauhaus in Dessau vergleichbaren Institution. Sie war nie dazu gedacht, das Bauhaus gradlinig fortzuführen, sondern in seinem Geist mit ähnlich missionarischem Eifer etwas Neues zu probieren. Mit Ulm hatte Otl Aichers Ruhm begonnen. Zusammen mit Inge Scholl – Schwester der von den Nazis ermordeten Hans und Sophie Scholl – und ein paar Gleichgesinnten gehörte er zu den Erfindern und schließlich den Gründern dieser mit Nachruhm bekränzten Hohen Schule der Gestaltung für das tägliche Leben. Eine Zeitlang war er auch ihr Rektor. Die Botschaft hieß nicht Kunst, sondern Dienst an der Gesellschaft, Kultivierung der Zivilisation.

Lange bevor es Mode wurde, vom "Image" einer Sache oder gar von der "Corporate identity" zu sprechen, hatte Aicher sich darangemacht, Erscheinungsbilder für Firmen und Veranstaltungen zu entwerfen: zum Beispiel für die Lufthansa (vom neuen Kranich am Leitwerk der Flugzeuge bis zu Schrift und Gestaltung von Rechnungen und Formularen), zum Beispiel für die Olympischen Spiele 1972 in München – was eine Weltpremiere wurde, denn die ganze Veranstaltung zeigte sich in Schrift, Layout und Farben, auf Eintrittskarten wie auf Medaillen, auf Briefpapier und Autokarosserien, auf Fahnen, Plakaten, Emblemen und in der Kleidung sozusagen in einer, seiner "Handschrift". Er arbeitete gleiches für das ZDF aus, für den Verlag Gruner + Jahr, für die Leuchtenfirma Erco, und es gehörte sich, daß seine Vorschläge immer weiter reichten als gemeinhin gedacht. Für Erco empfahl er zum Beispiel als Weihnachtsgabe an Geschäftsfreunde eine auf zehn Jahre angelegte kleine Diskothek, die sich aus jährlich drei Schallplatten (Klassik, Jazz, Pop) bilden sollte – mit Covers, die er dafür gestaltet hatte; und für Olympia hatte er auch noch eine Kollektion von internationalen Graphiken zum Thema zusammengebracht.

Aicher entwarf Umschläge, gestaltete zahllose Bücher (darunter das gerade vollendete dreibändige Werk über den Architekten Norman Foster, den er für den innovativsten Konstrukteur der Gegenwart hielt). Er gehörte vor Jahren auch zu der Handvoll Graphikern, die sich an der Modernisierung des ZEIT- Bildes versuchen sollten (und zum Glück wie alle anderen daran gescheitert ist).

Otl Aicher war ein außerordentlich neugieriger, wißbegieriger, kritischer Mann von journalistischem Temperament – und infolgedessen auch oft ein genialer Dilettant. Ein Küchenhersteller erbat seine Dienste – und so entstand nebenbei ein ebenso kluges wie leidenschaftliches Buch über die richtige Küche und das gute Kochen. Und während der Arbeit für die Lufthansa entstanden zwei faszinierende Luftbilderbücher – abgesehen davon, daß zu seinen Gestaltungsbild-Vorschlägen auch redaktionelle Empfehlungen für das Bordbuch und die Gründung der (inzwischen leider eingestellten) internationalen Zeitschrift Lufthansa’s Germany gehörten. Aus der vergeblichen Suche nach einem tatsächlich praktischen, modischen Schnickschnacks entratenden Auto wurde ein bemerkenswert kritisches, lehrreiches Buch über das vernünftige Design von Automobilen. Und aus dem Ärger über die falsch geplanten, nach dem Kriege schnell verbauten Großstädte in der Bundesrepublik entstand eine Serie von sehr kritischen Artikeln über einen klügeren Städtebau, die in sieben Folgen 1967/68 in der ZEIT erschien.