Überall öffnen sich die Schlagbäume, der europäische Binnenmarkt nimmt Gestalt an und läßt das Reisen von Land zu Land zu einem problemlosen Vergnügen werden. Daß die Freizügigkeit immer noch ihre Grenzen hat, erleben wir unvermutet mitten in Europa, etwa bei der Rückkehr aus der Schweiz nach Deutschland, in Konstanz.

Dort wartet die Urlauberin geduldig auf die Grenzabfertigung. Rasch winkt sie der Schweizer Zöllner durch, da er in ihr zu Recht die Touristin vermutet. Nicht so jedoch sein deutscher Kollege. Der nimmt es genau, mißtrauisch geworden vielleicht durch das norddeutsche Kennzeichen: den Paß bitte und die Autopapiere, Fragen nach dem Woher der Reise und ob denn etwas zu deklarieren sei. Natürlich befinden sich die üblichen Mitbringsel im Reisegepäck: zwei Flaschen Wein aus Italien, Käse und sonstige Kleinigkeiten. Unbeeindruckt ob dieses Bekennerdrangs, weist der Beamte mit dem Finger auf eine Tüte im Fond des Wagens: "Und was ist dort drin, bitte?" Nichts von Bedeutung, ein Kleidungsstück, made in Italy, erstanden in der Schweiz.

Plötzlich wird der Zöllner hellwach: "Zeigen Sie doch mal her", fordert er die verdutzte Reisende auf, die ahnungslos die Tüte reicht. "Wo haben Sie denn den Kassenbon?" bohrt der Beamte weiter. Ein Beleg ist nicht mehr vorhanden, wozu auch? Die Touristin versteht die ganze Aufregung nicht. Schließlich hat sie doch nur ein Mitbringsel aus Lugano dabei. Seit wann ist das strafbar? Der Beamte läßt nicht locker. "Steigen Sie bitte aus, und kommen Sie mit." Unter den neugierigen Blicken der sich hinter ihr stauenden Autofahrer folgt die aufs höchste irritierte Reisende dem Uniformträger. Sie fühlt sich, ohne zu wissen warum, bereits als arme Sünderin.

In der Amtsstube eröffnet ihr ein zweiter Beamter, daß für die Kleiderware Zoll zu entrichten sei, weil das Stück in der Schweiz gekauft wurde. Hätte sie es in Italien erstanden, wäre das etwas anderes, das sei schließlich EG-Mitgliedsstaat, nicht aber die Eidgenossenschaft. Was denn das Kleidungsstück nun gekostet habe, will er wissen. Die brave Bürgerin rekapituliert den Betrag mangels Beleg aus dem Gedächtnis. Erstaunlicherweise verlangt der Beamte keine eidesstattliche Versicherung oder eine schriftliche Erklärung über die Richtigkeit der Angaben.

So weit geht sein Ehrgeiz nicht. Fein säuberlich notiert er die genannte Summe, setzt eine laut knatternde Rechenmaschine in Gang und versucht, den Zollbetrag zu ermitteln. Das dauert eine Weile, weil die Maschine zwischendurch immer wieder ihre Dienste versagt.

Doch endlich ist es soweit: "Sie zahlen 24,60 Mark", verkündet der Beamte. Er zählt das Geld nach und schiebt eine Quittung über den Schalter. Dann darf sich die Reisende verabschieden. Beim Hinausgehen bemerkt sie, daß sie sich nicht als einzige im Paragraphendschungel der Zollbestimmungen verirrt hat. Mittlerweile wartet eine ganze Reihe weiterer Grenzübertreter darauf, ihren Obolus für die deutsche Staatskasse entrichten zu dürfen. Wir lernen: Es scheint leichter zu sein, großkalibrige Waffen unbemerkt über die Grenzen zu schaffen als ein kleines Kleid.

Ursula Kapitza