Von Christoph Bertram

Mitte September reist Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand auf Einladung Richard von Weizsäckers in die neuen Bundesländer. Er kann bei dieser Gelegenheit an Ort und Stelle das Terrain in Augenschein nehmen, das die in diesen Tagen aufgestellten vierzig französischen Atomraketen Hades zerstören könnten.

Bis zu 480 Kilometer weit reichen die neuen Waffen mit dem infernalischen Namen und einem Sprengkopf von je achtzig Kilotonnen. Die offizielle französische Nukleardoktrin weist diesen "prästrategischen" Raketen die Aufgabe zu, einen möglichen Angreifer durch einen einzigen, massiven Schlag vor weiterem Vorgehen zu warnen. Das hieße im Ernstfall – wie François de Rose, einer der kenntnisreichsten Fachleute Frankreichs, ausrechnet – einen Atomschlag von "mehreren Dutzend Megatonnen, also mehreren Hunderten und vielleicht Tausenden von Hiroshimas", auf oder in der Nähe von deutschem Boden.

Nun könnte man über diese jüngste französische Merkwürdigkeit achselzuckend hinweggehen. Die Hades-Raketen sind seit dem gescheiterten Moskauer Putsch erst recht so obsolet geworden wie ein Kropf. Als Drohgebärde gegen einen imaginären sowjetischen Angriff in der Mitte Europas gleichen sie einer strategischen Donquichotterie. Aber leider ist die jüngste Raketen-Entscheidung kein Einzelfall. Sie fügt sich nahtlos in eine ganze Serie von Ungereimtheiten in der Europa-Politik Frankreichs.

Daß Frankreichs Staatspräsident im europäischen Revolutionsjahr 1989 und noch nach dem Fall der Mauer versuchte, mit Michail Gorbatschow eine Barriere gegen die zu rasche deutsche Einigung aufzubauen, mochte man ihm noch nachsehen; auch in der Bundesrepublik hat es ja damals nicht an Stimmen gefehlt, die dem rasanten Zusammenschluß der Deutschen einen langsameren Annäherungsprozeß vorgezogen hätten. Aber seither hat die Weltgeschichte den Präsidenten im Elysée allzuoft auf dem falschen Fuß erwischt.

Zwar raffte sich Mitterrand im vergangenen Jahr mit Bundeskanzler Kohl zu einer Initiative für die Politische Union Europas auf und setzte sich für eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik ein. Aber als im Golfkonflikt die internationale Schattenrolle der Bundesrepublik deutlich wurde und die politischen wie finanziellen Lasten der deutschen Einigung immer offener zutage traten, geriet Mitterrands Europa-Einsatz ins Stocken.

Die Wahrung der eigenen Souveränität erhielt wieder absoluten Vorrang. Mit seiner Idee von einer "Konföderation", einem gesamteuropäischen Dialognetz, in dem auch die neuen Demokratien Osteuropas mitwirken könnten und das angesichts der fast täglichen Geburt neuer "souveräner" Staaten auf dem Gebiet der alten Sowjetunion durchaus seine Meriten hätte, versuchte der Präsident im Frühsommer noch einmal, die europäische Initiative zu ergreifen. Doch er mußte sich von Vaclav Havel belehren lassen, daß zwei seiner Kernvorstellungen für die Osteuropäer inakzeptabel seien: die Ausgrenzung Amerikas und der Aufschub osteuropäischer EG-Beitrittswünsche. Wieder schien Frankreichs Präsident mehr in den Kategorien der Zwischenkriegszeit als in denen des Jahres 2000 zu denken.