ARD, Montag, 9. September, 23.25 Uhr, und Dienstag, 10. September, 23 Uhr: "Landläufiger Tod", Film von Michael Schottenberg und Gerhard Roth

Die kommerziellen Sender bemühen sich um Niveau, die öffentlichrechtlichen bemühen sich, es zu verlieren. Beiden Anstrengungen ist bislang kein rechter Erfolg beschieden. Noch immer gibt es in den staatlichen Sendern Redaktionen, die mit viel Eigensinn und Liebe ihren Kulturauftrag erfüllen. In solchen Augenblicken wird es uns schwer, mit der Fernbedienung durch die tausend Programme zu schlendern. Entweder wir bleiben hängen, oder wir überspringen beim nächsten Rundgang. Bei Michael Schottenbergs Film "Landläufiger Tod" sollte man dranbleiben.

Nicht selten ist der künstlerisch anspruchsvolle Fernsehfilm nur die auf den Bildschirm gebrachte Verlegenheit, einen richtigen Kinofilm nicht produzieren zu können. Dies gilt für Michael Schottenbergs Film nicht. Denn erstens ist er sichtbar keine Verlegenheitslösung, sondern ein für die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Fernsehens gedrehter Film. Und zweitens gehört et nicht zu jenen Literaturverfilmungen, die mehr oder minder gelungene Adaptionen sind. Der Schriftsteller Gerhard Roth, um dessen Romane es hier geht, hat das Drehbuch selbst verfaßt und dafür gesorgt, daß dieser Fernsehfilm ein eigenständiges Projekt ist, das seine Energien aus den Motiven und Szenen von Roths Romanen bezieht. Man kann also in diesem Fall den Regisseur und den Autor als gemeinsam haftende Gesellschafter bedachten.

Der Film "Landläufiger Tod" zeigt alle Merkmale eines Kriminalfilms: Es gibt einen Untersuchungsrichter, einen Kommissar, es gibt Morde (vier), einen Täter (den Jurastudenten Alois Jenner) und einen Zeugen (den "Dorftrottel" Franz Lindner). Er ist aber (wie alle anspruchsvollen Kriminalfilme) kein Kriminalfilm. Der Täter ist bekannt, die kriminalistische Aufdeckung unerheblich, der Kommissar eine Nebenfigur. All das gab es schon.

Was diesen Nichtkrimi von anderen Nichtkrimis unterscheidet, ist der philosophische Entwurf. Der Mensch, so die Erkenntnis Gerhard Roths, ist Teil der Natur, die Natur aber kennt keine Moral. Das Regelsystem, dem sie folgt, ist mit Vernunftgründen nicht zu fassen. In der Natur, ebenso wie in der menschlichen Gesellschaft, ist Gewalt alltäglich. Die Natur findet sich damit ab (was eigentlich falsch ausgedrückt ist, denn sie kennt kein Subjekt), der Mensch jedoch, der denselben Mechanismen unterliegt, indem er elementare Gewalt ausübt und zugleich ihr Opfer wird, findet sich nicht damit ab. Kultur ist der Versuch, das Unerklärliche zu erklären und damit zu zähmen. Das gelingt jedoch allenfalls dann, wenn man die Tatsächlichkeit der Gewalt möglichst lange und mitleidlos seziert.

"Der Untersuchungsrichter versteht nicht, daß ein Mensch aus dem Nichts heraus eine Anweisung zum Toten erhalten kann und daß es oft nur eine Geringfügigkeit ist, die diese Tat auslöst." Das sagt der Mörder Alois Jenner in einem seiner Selbstgespräche. Kurz darauf sehen wir ihn, wie er das stille, herbstliche Wasser eines Flusses mit Ruderschlägen zerteilt. Auf einer Brücke steht eine alte Frau. Die Geste, mit der sie den Möwen Körner zuwirft, wirkt, als wolle sie dem einsamen Ruderer zuwinken. Das ist die Geringfügigkeit. Jenner folgt der Frau und ermordet sie. Er weiß sich vor der Justiz sicher, denn ein Mord, der weder ein Motiv hat noch Spuren hinterläßt, kann nicht aufgedeckt werden.

Normalerweise und mit Recht nennen wir einen solchen Menschen krank. Der Film billigt die Morde Jenners nicht, aber er verurteilt sie auch nicht. Er zeigt sie in ihrem grundlosen Schrecken. Jenners Wahnsinn hat Methode. "Ich habe bemerkt, daß die Gewalt etwas Alltägliches ist." Davon erzählt der Film. Der Arzt betrachtet die Präparate einer Biene unterm Mikroskop. Sogar das Studium der Natur ist ein Akt der Gewalt. "Der Blick durch das Mikroskop ist immer Gerichtsmedizin." Er setzt den Tod von Lebewesen voraus.