Wenn Christian Lochte gewußt hätte, daß er an einem strahlenden Sommernachmittag sterben muß, mit 55 Jahren, er hätte wohl so sterben wollen, wie es ihm am Dienstag dieser Woche widerfahren ist: bei einem sportlichen Wettkampf, mit dem Tennisschläger in der Hand. Er liebte Tennis; vor ein paar Jahren fuhr er noch des öfteren mit dem Fahrrad zum Dienst im Landesamt für Verfassungsschutz am Hamburger Johanniswall. Es ist ihm gewiß schwergefallen, in den gepanzerten BMW umzusteigen, seit er seinen Namen auf einer Abschußliste der RAF fand.

Lochte war seit gut zehn Jahren Chef der Hamburger Geheimdienstbehörde. Die Sozialdemokraten in der Hansestadt hatten ein wenig über den Schatten ihrer Regierungsmacht springen müssen, als sie ihn – eingeschriebenes Mitglied und ehemals aktiver Funktionär der Echternach-CDU – zum Nachfolger ihres Parteifreundes Hans Josef Horchern machten. Unter seinen Kollegen in den alten Landesämtern war er die herausragende Figur. Das zwangsläufig Konspirative des Dienstes hat ihn nie gehindert, öffentlich zu sagen, was er glaubte sagen zu müssen. Er konnte es lächelnd ertragen, wenn man ihm vorhielt, die Bezeichnung "Verfassungsschutz" sei ja wohl reichlich euphemistisch für eine Behörde, die bestimmungsgemäß wirkliche oder mutmaßliche Staatsfeinde heimlich belausche, also immer in der Gefahr sei, Grundrechte eher zu verletzen denn zu schützen.

Insgeheim dachte er wohl selber so. Die Einspeisung Tausender von Bürgern in Verdachtskarteien hielt er für baren Unsinn. Die Tatsache, daß sein Amt für den sogenannten Radikalenerlaß eingespannt wurde, hat ihn innerlich belastet. Gegen die "Regelanfrage" (zur Verfassungstreue von Beamten-Anwärtern) hat er sich erfolgreich gewehrt. Christian Lochte war ein Liberaler. H.Sch.