Von Karl-Markus Gauß

Oft schon wurde er totgesagt. Aber stets ist das Urteil der Kritiker von den Lesern wiederaufgehoben worden: Der historische Roman, vielgeschmäht und vielgelesen, findet immer noch sein Publikum. Vielleicht hängt das damit zusammen, daß er aufzubieten hat, was es sonst in der Literatur kaum noch gibt: abgerundete Charaktere, in denen sich die großen Kämpfe der Epoche spiegeln, Geschichten, die einen Anfang und ein Ende haben und in denen nicht der Zufall, sondern die vermeintliche Notwendigkeit wirkt.

Was jeden sauber gearbeiteten historischen Roman auszeichnet, ist in Fulvio Tomizzas "Venezianischer Erbin" in überwältigender Fülle vorhanden: das getreue historische Beiwerk, die detailfreudig ausgemalte Kulisse. Tomizzas Roman, der seine Geschichte von Liebe und Ökonomie in den venezianischen Verhältnissen von 1750 entfaltet, kann man auch als Kurzlehrgang über Medizin und Volksheilkunde des 18. Jahrhunderts lesen oder als gelehrten Beitrag zur Entwicklung des Erbschaftsrechtes in Norditalien oder als Studie über die Wollmanufakturen Istriens. Aber warum interessieren uns all die Exkurse, die Tomizza mit einem ausschweifenden Hang zur Vollständigkeit ausbreitet? Denn sie interessieren uns, und wir folgen ihnen willig durch 250 Seiten.

Fulvio Tomizza ist in seinen fünfzehn außerordentlich erfolgreichen Romanen mit seinem Stoff meist sehr subtil und originell umgegangen. Und auch die "Venezianische Erbin", so gemessen hier erzählt wird, ist durchaus raffiniert konstruiert. Der Conte Gianrinaldo Carli aus Capodistria, ein ebenso gelehrter wie geschäftstüchtiger Mann, war ein aufgeklärter Wissenschaftler, den die besseren Enzyklopädien noch heute verzeichnen, und ein flinker Vielschreiber, von dessen etwa sechzig Büchern keines überdauern sollte. Eines von ihnen hat der eitel um seinen Ruhm besorgte Conte nach Drucklegung selbst wieder vernichtet: die "Privaten Mißgeschicke einer Dame von wahrem Geist oder das Leben der Signora Paolina Rubbi, Contessa Carli-Rubbi". Von diesem Buch, indem der Conte Leben und Leiden seiner im Alter von 25 Jahren verstorbenen Frau beschrieb, ist nur ein einziges Exemplar der Vernichtung entgangen. Tomizza hat es aufgespürt, in der Staatlichen Bibliothek von Lucca gelesen und sich von diesem ersten zu einem zweiten Buch über die schöne Paolina inspirieren lassen.

Doch im Grunde erzählt er nicht von ihr, der venezianischen Erbin, der durch das epidemiebedingte Massensterben in der Verwandtschaft mit 22 Jahren enorme Reichtümer und damit fünfzig Brautwerber zuteil wurden. Tomizzas Roman entfaltet seinen Reiz vielmehr aus dem Wechselspiel zweier Autoren, von denen der eine, der nachgeborene, dem anderen gewissermaßen auf die Schliche zu kommen versucht: Da ist Gianrinaldo Carli, der seine Frau um ein halbes Jahrhundert überlebt und ihr ein Buch, halb Liebesklage, halb Selbstrechtfertigung, widmet – und da ist Fulvio Tomizza, der dessen merkwürdige Schrift zur Grundlage seines eigenen Romanes macht, ihr aber doch nicht so recht traut. Tomizza muß sich auf den Conte Carli verlassen, aber er spürt die Verlogenheit in dessen Enthüllungen, die eines "der fesselndsten Bücher sind, die ich je gelesen habe: allerdings nur in einzelnen Passagen auf unmittelbare Weise, ständig dagegen dessentwegen, was ich dahinter spürte und mir ausmalte".

Paolina, deren Feuer "zerebraler, nicht sinnlicher Natur" war, hatte sich unter den fürstlichen Brautwerbern den nach Reichtum und Stand geringsten ausgesucht. Indem er das Buch ihres Mannes gegen den Strich liest, legt Tomizza die Vermutung nahe, sie habe dies berechnend getan, um, emanzipiert nach dem Maß und den Möglichkeiten ihrer Zeit, "die eigene Freiheit unter dem Siegel des Sakraments noch auszuweiten". Aber Tomizza, der sich auf eine Vorlage stützt, deren Verfasser Zweifel und Selbstkritik nicht kannte, strebt Gewißheit gar nicht an. "Könnte ich Euch doch nur ins Herz sehen!" läßt er seine Paolina einmal sagen, indes er selbst gerade dies nicht tut: seinen Figuren, die vor 250 Jahren gelebt, geliebt, intrigiert, philosophische Gespräche geführt und gute Geschäfte getätigt haben, ins Herz zu sehen.

Daher bleibt der Roman seltsam blutleer, ja farblos selbst vor der prächtigen Kulisse des venezianischen Karnevals. Viel ist in ihm von Leidenschaft die Rede, doch erfahren wir nicht einmal, wie die Menschen ausgesehen haben, denen wir das Liebesschmachten abnehmen sollen. Tomizza behandelt den Liebesroman wie ein Intrigenstück, in dem die Figuren nach festgefügten Regeln wie Marionetten agieren. Er schriebt seinen historischen Roman also gewissermaßen gegen die Erwartungen, die das Genre weckt. Vielleicht ist gerade dies seine Stärke.